»Nicht der letzte Anschlag«
Neue Stadtguerillaorganisation in Athen übernimmt Verantwortung
für einen Anschlag auf den ehemaligen Minister für Öffentliche Ordnung
Heike Schrader
Mit einer am Donnerstag in der
politischen Wochenzeitung To Pontiki
(Die Maus) veröffentlichten Erklärung hat die griechische
Stadtguerillaorganisation »Revolutionärer Kampf« (Epanastatikos
Agonas, EA) die Verantwortung für einen missglückten Bombenanschlag
am 30. Mai in Athen auf den ehemaligen Minister für Öffentliche
Ordnung übernommen.
Die Bombe war in der Satteltasche
eines an dessen täglicher Fahrtroute aufgestellten Fahrrades deponiert
und wurde von den Tätern mit einer Fernsteuerung für Spielzeuge
ausgelöst. Wie der EA in seiner Erklärung mitteilte, entschied man
sich für die vorzeitige Zündung, weil ein Kommando mit Sprengstoffhund
in der Straße aufgetaucht sei. Durch die Explosion der 2,5 Kilo
Sprengstoff wurden zwei parkende Autos zerstört, Menschen wurden
nicht verletzt.
Der »Revolutionärer Kampf« begründete den Anschlag auf Giorgos Voulgarakis mit dessen Einsatz
für die Modernisierung des griechischen Sicherheitsapparates im
Rahmen der »Antiterrorbekämpfung« und insbesondere die Verwicklung
des Ex-Ministers in die Entführung in Griechenland lebender Pakistaner
durch den griechischen und den britischen Geheimdienst sowie die
mutmaßlich von US-amerikanischen Geheimdiensten organisierte Abhörung
von Mobiltelefonen von Regierungsmitgliedern und bekannten linken
Aktivisten. Voulgarakis war nach Bekanntwerden
der beiden Skandale auf den Posten des Kulturministers versetzt
worden.
Die Aktionen des Revolutionären
Kampfes unterscheiden sich qualitativ von den in Griechenland häufigen
kleineren Bomben- und Molotowcocktail-Anschlägen vorwiegend anarchistischer
Gruppen. Im Gegensatz zu diesen zielt der »Revolutionärer Kampf«,
wie der missglückte Mordanschlag auf Voulgarakis
zeigt, nicht nur auf Sachschäden. Die Organisation steht daher eher
in der Tradition der im Sommer 2002 zerschlagenen Stadtguerillaorganisation
»Revolutionäre Organisation 17. November« (17N). 15 mutmaßliche
Mitglieder der 17N, auf deren Konto die Ermordung von US-amerikanischen,
britischen und türkischen Geheimdienstmitarbeitern, ehemaligen Folterern
aus der Zeit der griechischen Junta sowie griechischen Politikern
und Unternehmern geht, wurden im Dezember 2003 zu hohen Gefängnisstrafen
verurteilt.
Der EA war erstmalig im September
2003 mit einer Attacke auf Athener Gerichtsgebäude in Erscheinung
getreten. Internationale Schlagzeilen machte die Organisation mit
dem Bombenanschlag auf eine Athener Polizeiwache im Mai 2004, einhundert
Tage vor Beginn der Olympischen Spiele in Griechenland. Im vergangenen
Jahr hatte der EA die Verantwortung für zwei Bombenanschläge auf
das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium übernommen.
Der Anschlag auf Voulgarakis
sei nicht der letzte, warnte die Organisation in ihrer Erklärung.
»Auch wenn uns diese Aktion aufgrund unglücklicher Umstände missglückt
ist, heißt das nicht, dass auch ein nächster Anschlag auf einen
Schurken der politischen oder ökonomischen Herrschaft fehlschlägt.«
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