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Jungle World: Nr. 41/2002 - 02. Oktober 2002
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Vernehmer
Nach
dem Dementi des wichtigsten Zeugen Savvas Xeros nehmen die Ermittlungen
gegen die griechische Stadtguerilla 17. November skurrile Züge an.
von
harry ladis und lia yoka, thessaloniki
Die
Schilderungen seiner Haftbedingungen waren an Dramatik kaum zu überbieten.
Savvas Xeros, dessen Aussagen bei den Ermittlungen gegen die griechische
Stadtguerilla 17. November eine zentrale Rolle spielen, berichtete
von Scheinhinrichtungen, Folterungen und medizinischen Präparaten,
die Angstzustände erzeugten. Nachdem er einen Monat lang mit den
Ermittlungsbehörden geplaudert hat, versucht er jetzt, einen großen
Teil seiner Aussagen wieder zurückzunehmen.
In einem
Fernsehinterview, das er Mitte September mit dem Journalisten Makis
Triantafilopoulos führte, erklärte Xeros, dass seine umfangreichen
Aussagen über die Aktionen der Gruppe und seine ehemaligen Genossen
nur unter psychologischem Druck und dem Einfluss von Psychopharmaka
zustande gekommen seien.
Deshalb
habe er sogar eine merkwürdige Zuneigung zum Leiter der Antiterroreinheit,
Antonis Siros, empfunden. Auf die Frage, wen er mehr liebe, seine
Mutter oder Siros, will er sich für den Beamten entschieden haben.
Außerdem sei er nach seiner Verhaftung schwer verletzt auf der Intensivstation
von einer "politischen Person" sowie von drei US-Agenten verhört
worden, was gesetzlich streng verboten ist.
Unter
diesem Druck habe er mindestens vier Personen beschuldigt, obwohl
sie nur über oberflächliche Kontakte zur Stadtguerilla verfügten.
Deswegen bereitet er derzeit zusammen mit seinen Brüdern, Christodoulos
und Vassilis Xeros, weitere Aussagen vor, in denen sie ihre früheren
Geständnisse größtenteils widerrufen. Während sie jetzt nur noch
die Verantwortung für einige kleinere Attentate übernehmen wollen,
bestreiten sie jede Beteiligung an politischen Morden.
Besonders
gut sind die Aussichten, dass ihre neuen Darstellungen ernst genommen
werden, jedoch nicht. So bezeichnete der Psychiatrieprofessor Ioannis
Mantonakis die Aussagen von Xeros als lächerlich und unglaubwürdig.
Die Polizei und die betreuenden Ärzte erklärten einmütig, dass Xeros
keine Psychopharmaka eingenommen habe.
In den
Medien wird nun darüber spekuliert, ob sich Xeros den politischen
Erklärungen von Dimitris Koufodinas, einer der führenden Personen
des 17. Novembers, anschließen will, um sein Image aufzubessern.
Koufodinas stand zwei Monate lang auf der Fahndungsliste und stellte
sich vorletzte Woche der Polizei. Er verweigerte die Aussage und
behauptete, dass seine Taten ausschließlich politisch motiviert
gewesen seien. "Ausgangspunkt und Beweggrund waren für mich meine
politischen Prinzipien und mein Beitrag zum sozialistischen Umwälzungsprozess.
Insofern halte ich meine Taten für rein politisch", sagte er nach
seiner Verhaftung. Und nachdrücklich betonte er, dass die Stadtguerilla
nie die Verantwortung für einen Bankraub übernommen habe. Er verteidige
daher nur den Inhalt der schon veröffentlichten Bekennerschreiben.
Mittlerweile
versuchen die anderen Angeklagten, Nutzen aus Xeros' Sinneswandel
zu ziehen. Ioannis Rachiotis, der Verteidiger der angeblichen Leitfigur
der Stadtguerilla, Alekos Giotopoulos, nahm die neuen Aussagen zum
Anlass, um die Rechtmäßigkeit sämtlicher Ermittlungsverfahren zu
bestreiten. Sein Mandant weist bisher jegliche Beteiligung an den
Aktivitäten der Gruppe zurück. Er wurde vor allem durch die Aussagen
von Xeros belastet.
Die
anfänglich über die Verhafteten verhängte totale Kontaktsperre hat
inzwischen keinen Bestand mehr. Die angeblich kaltblütigen Killer
sorgen mit ihren Fernsehauftritten für traumhafte Einschaltquoten.
Das Interview mit Xeros, der nach seinem ersten Auftritt telefonisch
an einer weiteren Fernsehdebatte teilnahm, war nur der Anfang des
surrealen Spektakels. Um weitere TV-Shows dieser Art zu vermeiden,
hat der Gefängnisrat beschlossen, dass die Gefangenen nur noch zu
ihren Verwandten und Strafverteidigern Kontakt haben dürfen.
Größere
Berührungsängste beim Thema 17. November als die Journalisten hat
hingegen die griechische Linke. Sie ergreift jede Gelegenheit, um
sich vom bewaffneten Kampf zu distanzieren (Jungle World, 36/02).
Das Ziel der Terroristenhetze in den Medien ist es, alle repressiven
Maßnahmen nachträglich zu legitimieren. Und da kann niemand zurückstehen.
So versprechen beispielsweise die Plakate aller Kandidaten, die
zu den kommenden Kommunalwahlen antreten, mehr Sicherheit und Ordnung
in den Gemeinden. Eine Solidaritätsdemonstration für Abraham Lesperoglou
durfte Anfang September nur in Begleitung eines enormen Polizeiaufgebotes
durch Thessaloniki marschieren. Lesperoglou wurde in der vorletzten
Woche von einem Geschworenengericht vom Vorwurf des versuchten Polizistenmordes
freigesprochen.
Dieser
Prozess war gleichzeitig das Ende einer Epoche, denn gemäß dem neuen
Antiterrorgesetz, das im Juni 2001 verabschiedet wurde, sollen solche
Fälle in Zukunft vor Gerichten verhandelt werden, die ausschließlich
mit professionellen Richtern besetzt sind.
Das
US-Außenministerium stellte nach dem Freispruch von Lesperoglou
sogar die Souveränität der griechischen Justiz in Frage und kritisierte
das Urteil des Gerichts scharf. Die Generalstaatsanwaltschaft hat
bereits Berufung eingelegt. Eine Bestätigung des Freispruchs gilt
in dem kommenden Revisionsprozess als unwahrscheinlich.
Kein
Wunder also, dass die griechische Regierung nach dem Revisionsantrag
plötzlich wieder ein großes Lob der amerikanischen Verbündeten ernten
konnte. In einem Brief bedankte sich US-Präsident George W. Bush
überschwänglich bei Ministerpräsident Kostas Simitis für die erfolgreiche
Beteiligung Griechenlands am globalen Kampf gegen den Terrorismus:
"Das griechische Volk hat sich dazu entschlossen, für seine Freiheit
zu kämpfen und sie nicht dem Terrorismus preiszugeben. Die USA sind
stolz darauf, als Alliierte an eurer Seite zu stehen."
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