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jw, 15.07.2000
Vernichtungskrieg gegen Links
Die Massaker der Wehrmacht in Griechenland 1941 bis 1944
(Teil III und Schluß).
Von Martin Seckendorf
Im Verlauf des Jahres 1943 geriet das Okkupationsregime wegen
der für Deutschland verschlechterten militärischen Gesamtlage,
der rücksichtslosen Ausbeutung des Landes und der immer stärker
werdenden Widerstandsbewegung in eine Krise. Ein noch brutalerer
Einsatz von Machtmitteln war nicht mehr möglich. Jetzt sollte
eine Mixtur aus Propaganda und politischer Taktik die Griechen dafür
gewinnen, die deutsche Herrschaft im Lande zu dulden, für sie
zu arbeiten und gegen die eigenen Landsleute zu kämpfen. Als
Gegenleistung für Kollaboration sicherte das faschistische
Deutschland Griechenland einen ehrenvoller Platz im künftigen
Europa zu. "Jeder Grieche, den wir dahin bringen, in uns die
Vertreter einer besseren und gerechteren Zukunft zu sehen, wird
zunächst nicht auf unsere Männer schießen und keine
Sabotageakte begehen", schrieb im August 1943 der stellvertretende
Leiter der Informationsabteilung im Auswärtigen Amt, Rudolf
Rahn. Es müsse gelingen, die kollaborierenden Gruppen "so
zu binden, in unserem Sinne zu kompromittieren und gegen die uns
feindlichen Organisationen kämpferisch einzusetzen, daß
sie nicht mehr zurück können". "Mit politischen
Mitteln die Verhältnisse zu verbessern", nannte der Sonderbevollmächtigte
des Auswärtigen Amtes, Neubacher, das Ziel der "neuen
Politik".
Bürgerkrieg entfacht
Am 29. Oktober 1943 erließ Hitler die Weisung über "die
einheitliche Führung des Kampfes gegen den Kommunismus im Südosten".
Neubacher sollte die antikommunistischen Kräfte organisieren
und ihren Einsatz gegen die Partisanen politisch lenken, die Versorgung
der Bevölkerung "auf die antikommunistische Aktion ausrichten"
und Einfluß auf die "Sühnemaßnahmen"
nehmen.
Die erste Maßnahme der Spaltungskonzeption, wie die Generalität
die "neue Politik" zutreffend nannte, war die Bewaffnung
der Kollaborateure. Unter Leitung des Höheren SS- und Polizeiführers
wurde die griechische Polizei auf 27000 Mann verstärkt und
erstmals seit der Besetzung bewaffnet. Neun "Sicherheitsbataillone"
wurden aufgestellt und gegen den Widerstand eingesetzt. Die Wehrmacht
bildete zusätzlich mehr als 20 griechische Freiwilligeneinheiten
in Kompaniestärke. Die bis dahin unbedeutende griechische Nazi-Partei,
Ethniki Enossis Ellados, erhielt von Neubacher beträchtliche
finanzielle Mittel zur "Aufstellung antikommunistischer Kampfverbände".
Die Kollaborateure
Die deutsche Politik konnte sich bei der Schürung des Bürgerkriegs
auf Teile der griechischen Oberschicht stützen. Diese, obwohl
traditionell eher britisch orientiert, unterstützten die deutschen
Maßnahmen gegen die Nationale Befreiungsfront (EAM) und die
Griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS), weil sie damit die bürgerlich-
kapitalistische Nachkriegsentwicklung gesichert glaubten. In einem
kürzlich aufgefundenen Schreiben der Heeresgruppe E vom 15.
Juli 1944 heißt es: "Die führende griechische Oberschicht
(Vertreter der Industrie, des Handels, Bankwesens, der hohen Geistlichkeit,
Spitzen der Beamtenschaft und des ehem. Offz.-Korps)" sieht
in dem "immer mehr anwachsenden Kommunismus die einzige ihre
Interessen und besitzbedrohende Gefahr". Sie sei "gewillt,
eine nationale Organisation mit militanten Formationen aufzubauen".
Es wird mitgeteilt, in Nordgriechenland arbeite seit Sommer 1943
"eine Art nationales Verteidigungskomitee, das sich aus Vertretern
der griechischen Oberschicht zusammensetzt". Die von der Wehrmacht
in Nordgriechenland aufgestellten griechischen Verbände würden
"von diesem Komitee in jeder Hinsicht unterstützt".
Ein wesentlicher Aspekt der "neuen Politik" war der
allenthalben gelungene Versuch, antikommunistische ("nationale")
Widerstandsgruppen dazu zu bewegen, den Kampf gegen die Deutschen
einzustellen und nunmehr die EAM/ELAS militärisch zu bekämpfen.
Besonderes Gewicht hatte der Übertritt der Einheiten des Nationalen
Republikanischen Bundes (EDES) auf die Seite der Deutschen im Herbst
1943. Er war die größte Gruppierung des nichtkommunistischen
Widerstands. Die Heeresgruppe E beschreibt in einem Bericht die
bürgerkriegspolitischen, auf die Nachkriegszeit gerichteten
Motive der EDES-Führung. Diese "sucht nach wie vor die
deutsche Besatzungsmacht ihrer Loyalität zu versichern, um
sich so unangetastet auf den kommenden militärischen und politischen
Machtkampf vorzubereiten". Gegen die ELAS habe EDES in Nordwestgriechenland
eine militärische Offensive begonnen. Für die Bemühungen,
die Kollaboration auszudehnen, erwies sich die bisherige Terrorpraxis
als Hindernis. Die Massaker unter der Zivilbevölkerung trieben
auch Griechen in den Widerstand, die nicht mit der ELAS sympathisierten.
Wie die Propaganda sollte nun auch der Terror zielgenau gegen Links
eingesetzt werden. Der Generalstabschef der Heeresgruppe E, Generalmajor
Winter, erläuterte Anfang Dezember 1943 vor deutschen Einheiten,
es gehe "leider nicht an, alle Leute zu köpfen" und
"völlig unbeteiligte Ortschaften dem Erdboden gleichzumachen",
da dies "nur zur Vermehrung des Bandenwesens" führe.
Die "antikommunistische Aktion" sollte nicht weniger,
aber die richtigen Griechen töten, die "wahrhaft Schuldigen".
Am 22. Dezember 1943 erging ein Grundsatzbefehl des Oberbefehlshabers
Südost für die Handhabung des Terrors. Darin heißt
es: "Das Verfahren, nach einem Überfall oder Sabotageakt
aus der näheren Umgebung des Tatortes wahllos an Personen und
Wohnstätten Sühnemaßnahmen zu vollziehen, wird verboten."
Zunächst seien die "Täter" und deren Angehörige
zu töten. Sollten die "Täter" nicht gefaßt
werden, was üblicherweise der Fall war, so wären alle
Personen, die einer "offenen oder versteckten Mitwirkung"
verdächtigt werden oder die "ein bewußt passives
Verhalten" zeigten, als "Banditenhelfer zu erschießen
und deren Wohnstätten zu vernichten". Der Befehl beschreibt
dann die Hauptgruppe der zu Tötenden: "Lassen sich derartige
Mitschuldige nicht finden, so muß auf Personen zurückgegriffen
werden, die, ohne mit der einzelnen Tat in Verbindung zu stehen,
trotzdem als mitverantwortlich anzusehen sind. Mitverantwortlich
sind in erster Linie solche Personen, die sich zum Kommunismus bekennen."
Damit war der klassenideologische Vernichtungskrieg definiert.
Eskalation des Terrors
Todeskandidaten waren alle 1,6 Millionen Mitglieder der EAM und
ihrer Massenorganisationen, die Soldaten der ELAS sowie deren Angehörige.
Um den Spaltungseffekt zu verstärken, wurde jenen Griechen,
die sich zur Kollaboration bereit fanden, eine Überlebensgarantie
gegeben. "Nicht zu Sühnezwecken zu verwenden", so
der Befehl, "sind Feinde des Kommunismus". Mit dem Dezemberbefehl
wurde die "neue Politik" für alle Soldaten, Polizisten
und SS-Männer bindend. Danach hätte man wegen der angestrebten
"chirurgisch sauberen Schnitte" eine Verringerung der
Opfer und der Zerstörungen erwarten können.
Der Ablauf der Ereignisse 1944 aber zeigt ein anderes Bild. Trotz
der "neuen Politik" ging das großflächige Zerstören
und massenhafte Töten von Zivilisten weiter. Die Opferzahlen
erreichten Rekordhöhen. Massaker mit hundert und mehr Toten
sowie riesigen Zerstörungen waren 1944 eine fast alltägliche
Erscheinung. So wurden nach unvollständigen Meldungen der Heeresgruppe
E in den Monaten Juni, Juli und August 1944 im statistischen Durchschnitt
täglich 110 Griechen bei "Säuberungsaktionen"
getötet.
Ursache dafür, daß sich an der Politik nicht viel änderte,
war die Auffassung der Militärbehörden im Südosten,
auf die massenhafte Tötung von Zivilisten als vorbeugend wirkendes
Element der Machtsicherung nicht verzichten zu können. Zahlreiche
Ausnahmen in dem Grundsatzbefehl schrieben weiterhin undifferenzierte
Massaker auch an Frauen und Kinder zwingend vor. Umfangreiche "Sühnemaßnahmen"
seien immer dann durchzuführen, wenn dadurch "die Verhütung
künftiger Anschläge zu erwarten ist". Auch die verhängnisvollen
Begriffe "Banditenhelfer" und "Mitschuldige"
als Bezeichnung für eine nach jedem Partisanenangriff zu tötende
Personengruppe wurden beibehalten und durch den Straftatbestand
"passives Verhalten" extensiv ausgelegt. Außerdem
blieb die Anzahl der bei einer "Sühne- oder Vergeltungsaktion"
zu tötenden Griechen nach oben offen, was in der Praxis zu
furchtbaren Massenmorden führte. "Sühnequoten werden
nicht festgelegt", heißt es in dem Befehl. Und: "Für
das Verhalten der Truppe im Kampf gelten die bisherigen Bestimmungen."
Damit hing die Auslegung der Befehle von der Einschätzung der
jeweiligen politischen und militärischen Situation in einem
bestimmten Gebiet ab. Welche Regionen als "Kampfgebiete"
oder, was auf das gleiche hinauslief, als "partisanenverseucht"
eingestuft wurden, entschieden die Ic-Offiziere der Wehrmacht, die
"Feindlagebearbeiter". In diesen Territorien, die Anfang
1944 drei Viertel des Landes umfaßten, konnte die gesamte
Bevölkerung, unabhängig von ihrer politischen Haltung,
für "Sühnezwecke" ins Visier genommen werden.
"Rücksichtsloses Durchgreifen" befahl der Oberbefehlshaber
der Heeresgruppe E am 13. August 1944. Der Vertreter Neubachers
in Athen telegrafierte am 4. Oktober 1944 nach Berlin, daß
nicht nur Dörfer entvölkert und zerstört werden,
sondern Massaker immer häufiger auch in Städten erfolgten.
Der "Begriff kommunistische Viertel" werde sehr weit ausgelegt.
Alle Bewohner von Stadtvierteln, "in deren Nähe deutsche
Soldaten angegriffen" worden seien, würden "zu Sühneaktionen
herangezogen", d.h. umgebracht.
Absprachen mit dem Feind
Ende August 1944 durchbrach die Rote Armee in einer gewaltigen
Schlacht bei Jassi-Kischinjow, dem Cannae des 20. Jahrhunderts,
den Südteil der deutschen Ostfront. Der Weg nach Belgrad und
Wien war frei. Von Westen marschierte die Volksbefreiungsarmee Titos
auf die jugoslawische Hauptstadt. Rumänien und Bulgarien wurden
vom Verbündeten zum Kriegsgegner Deutschlands. Den beiden deutschen
Heeresgruppen auf dem Balkan drohte die Einschließung, ein
"Superstalingrad". Um eine neue Front im Norden aufzubauen,
befahl Hitler die Räumung Griechenlands. In der Räumungsphase
kam es zu einem im Zweiten Weltkrieg einmaligen Abkommen. Das Oberkommando
der Wehrmacht und zentrale britische Stäbe vereinbarten, die
Deutschen sollten mit Blick auf die Nachkriegsentwicklung Griechenlands
die ELAS weiterhin rücksichtslos bekämpfen und ihre ausgebauten
Stellungen vor allem an den Küsten gegen die ELAS halten, bis
britische Truppen anlandeten. Als Gegenleistung garantierte man
den Deutschen militärisch unbedrängten Abzug zum Aufbau
einer neuen Front gegen die Rote Armee - damals der Verbündete
der Briten. Das Abkommen wurde von beiden Seiten eingehalten. Trotz
drückender britischer Überlegenheit zu Wasser und in der
Luft konnten die Deutschen verlustlos von den Inseln evakuiert werden
und ab 10. Oktober 1944 von den Briten wiederum unbedrängt
auch das Festland räumen. ELAS durchkreuzte die schändliche
Vereinbarung. Die griechischen Soldaten lieferten den fliehenden
Deutschen schwere Kämpfe und unterstützten wirkungsvoll
den Kampf der Tito-Verbände und der Roten Armee an Save und
Donau. Die deutschen Verbände kamen nicht nur verspätet,
sondern auch abgekämpft, personell stark geschwächt und
fast ohne schwere Waffen in Jugoslawien an.
In der Nacht vom 2. zum 3. November 1944 verließen die letzten
deutschen Einheiten Griechenland. Auf einigen Inseln blieben etwa
20000 Deutsche zurück, die meist erst am 8. Mai 1945 kapitulierten.
Viele hundert Dörfer und Kleinstädte waren total zerstört,
eine Million Griechen obdachlos, das Eisenbahnwesen nur noch zu
einem Viertel brauchbar. Alle die für das Land so wichtigen
Häfen waren stark zerstört. Schätzungsweise 90000
Griechen wurden Opfer von Geiselmorden und anderen "Strafaktionen".
Fast 58000 Juden waren umgebracht. Die Gesamtverluste betrugen 7,2
Prozent der Vorkriegsbevölkerung.
Neues Leid
Nach dem Abzug der Deutschen landeten britische Truppen und die
Exilregierung in Griechenland. Im Dezember 1944 verlangten die Briten
die Entwaffnung der ELAS. Sie stützten sich dabei auf eine
Vereinbarung, die sie im Oktober 1944 mit Moskau getroffen hatten.
Damals sicherte Stalin dem britischen Premier Churchill zu, Griechenland
gehöre "zu 100 Prozent" in die britische Einflußzone
und solle kapitalistisch bleiben. Die einzige Kraft, die dieses
Abkommen stören konnte, war EAM/ELAS. Ihre Soldaten hatten
in einem opferreichen Kampf gegen Deutsche, Italiener und Bulgaren
sowie deren griechische Helfer gut 90 Prozent des Landes befreit,
eine politisch legitimierte Zentralregierung in Griechenland und
eine funktionierende öffentliche Verwaltung aufgebaut. Für
die Briten und die griechische Oberschicht bestand die Gefahr, daß
in Griechenland ein zum Kapitalismus alternatives System entstand.
Als sich ELAS weigerte, die Waffen niederzulegen und den schwer
errungenen Sieg aufzugeben, gingen die Briten mit Gewalt gegen die
ELAS und deren politische Sympathisanten vor. Seit dieser Zeit wird
von vielen Griechen der Einmarsch der Briten als neue Okkupation
betrachtet.
Aus den Attacken vom Dezember 1944 entwickelte sich ein blutiger
Krieg gegen die Linksbewegung. Dabei wurden die Briten und die griechische
Regierung in großem Umfang von jenen Kräften unterstützt,
die bereits in deutschen Diensten Erfahrung im Kampf gegen ELAS
gesammelt hatten. Ab 1947 übernahmen die USA die Rolle der
Briten. Mit Dollars, neuen Waffen und modernen Methoden der psychologischen
Kriegführung drängten sie die Linkskräfte zurück
und Griechenland in die NATO. Im Oktober 1949 gaben die antifaschistischen
Kräfte den militärischen Kampf auf. Nicht alle Kämpfer
konnten ins Ausland fliehen und sich der teilweise ungezügelten
Rache der Sieger entziehen. Die bürgerlich-kapitalistische
Ordnung in Griechenland war gesichert. Bis in die 80er Jahre mußten
die Kämpfer der ELAS darauf warten, daß ihr Kampf von
1941 bis 1944 von der griechischen Regierung als Beitrag zum Sieg
der Antihitlerkoalition im Zweiten Weltkrieg gewürdigt wurde.
* Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft
für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. Er veröffentlichte
u.a.: Ein einmaliger Raubzug. Die Wehrmacht in Griechenland - 1941
bis 1944. In: Johannes Klotz (Hg.), Vorbild Wehrmacht? Wehrmachtsverbrechen,
Rechtsextremismus und Bundeswehr, PapyRossa, Köln 1998, S.
96-124. (Dort auch weiterführende Literatur).
Europa unterm Hakenkreuz.Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus (1938
bis 1945). Achtbändige Dokumentenedition. Hg. vom Bundesarchiv,
Band 6: Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus in Jugoslawien,
Griechenland, Albanien, Italien und Ungarn (1941 bis 1945). Dokumentenauswahl
und Einleitung von Martin Seckendorf unter Mitarbeit von Günter
Keber, Jutta Komorowski, Horst Muder, Herbert Stöcking und Karl
Übel. Hüthig, Berlin, Heidelberg 1992.
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