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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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Widerstand und Revolution in Griechenland
Griechenland zählt
zwar zu den beliebtesten Urlaubsländern der Österreicher, über seine
moderne Geschichte ist hierzulande aber meist recht wenig bekannt.
In den 1980er und frühen 90er Jahren war Griechenland das Land mit
den massivsten und härtesten Klassenauseinandersetzungen in Europa.
Aber auch zuvor (auch und besonders während und nach dem 2.Weltkrieg)
kann es auf eine wechselhafte und spektakuläre Geschichte von Befreiungskämpfen
zurückblicken.
1821/30 vom Osmanischen
Reich unabhängig geworden, im 1.Weltkrieg gemeinsam mit Serbien
auf Seiten der Entente, wurde Griechenland in der Zwischenkriegszeit
von einer reaktionären Diktatur beherrscht. Als Zielgebiet des italienischen
Imperialismus (Anspruch auf das Mittelmeer als mare nostra) wurde
es 1940 von italienischen Truppen angegriffen. Während der italienischen
Armee eine Zeit lang erfolgreich Widerstand geleistet wurde, mußten
die Truppen der griechischen Diktatur 1941 vor der überlegenen deutschen
Militärtechnologie rasch kapitulieren. Griechenland wurde besetzt,
wobei sich Deutschland auf das als Luftwaffenbasis für den östlichen
Mittelmeerraum bedeutende Kreta und auf die strategisch wichtigen
Hafenstädte Athen/Piräus und Saloniki (remember Kurt Waldheim) konzentrierte
und den Rest den verbündeten Italienern und Bulgaren überließ. Die
italienischen Truppen waren mit der Zeit von erheblichen Zersetzungserscheinungen
betroffen. Wie sehr, zeigte sich beispielhaft bei der Ermordung
von Pantelis Pouliopoulos, einem Führer der griechischen Trotzkisten:
Der ehemalige Generalsekretär der Griechischen Kommunistischen Partei
(KKE), der von den italienischen faschistischen Besatzern zum Tode
verurteilt wurde, sprach derart überzeugend zu den italienischen
Soldaten des Erschießungskommandos, daß diese sich weigerten, ihn
zu erschießen. (Die faschistischen Offiziere mußten das schließlich
selbst erledigen.) Nach der italienischen Kapitulation 1943 besetzte
die Wehrmacht ganz Griechenland.
In allen Teilen
Griechenlands entwickelte sich bald ein erbitterter Widerstand gegen
die Besatzer, über den die bürgerlichen und monarchistischen konservativen
Kräfte rasch die Kontrolle verloren. Die Führung übernahm die Linke,
v.a. die KKE, die sich zum Teil den Weisungen Stalins, der eine
Beschränkung des Kampfes auf die Kriegsziele der Alliierten forderte,
entzog. In der Folge ging der 2.Weltkrieg in Griechenland in einen
Bürgerkrieg über, in dem die Arbeiter und Bauern Griechenlands unter
der Führung von dissidenten kommunistischen Kräften für ein sozialistisches
Griechenland kämpften. Ihre Gegner waren Monarchisten, ehemalige
faschistische Kollaborateure und v.a. die britischen Interventionstruppen,
die von der Sowjetunion und der Führung der Kommunistischen Partei
unterstützt wurden.
Der Sieg der britischen
Militärmacht war kein Sieg für "Demokratie und Freiheit"
(wofür die Alliierten ja angeblich kämpften), sondern einer der
Reaktion, der mit massiver Unterdrückung und Bürgerkrieg, mit der
Wiedererrichtung eines reaktionären sozialen und politischen Regimes
endete, das schließlich in den 1960er und 70er Jahren erneut in
eine Militärdiktatur mündete. Der vorliegende Artikel von Julia
Masetovic stützt sich weitgehend auf Beiträge aus der britischen
Zeitschrift Revolutionary History (Volume 3, No 3, Spring 1991 und
Volume 3, No 4, Autumn 1991). Er beschäftigt sich vor allem mit
zwei Aspekten des griechischen Widerstands: 1) mit der Revolte der
Soldaten und Seeleute der griechischen Streitkräfte im Nahen Osten;
und 2) mit dem bewaffneten Widerstand in Griechenland, der von der
britischen Armee im Dezember 1944 auf Anweisung Winston Churchills
zerschlagen wurde.
Hintergründe
Eine Besonderheit
Griechenlands, die wir auch in Jugoslawien finden, gegenüber anderen
faschistisch besetzten Ländern ist, daß es zuvor einem blutigem
Militärregime ausgesetzt war. Das Regime von General Metaxas und
König Georg II. hat die Arbeiterbewegung brutal unterdrückt und
ihre Führer und Kader in Kerkern auf Inseln interniert. Das zwang
die KKE in eine bedrohliche Klandestinität, die die Kommunikation
mit Moskau instabil und empfindlich machte. Was die griechischen
Kommunisten (wie ihre Genossen im benachbarten Jugoslawien) an den
Direktiven der Stalinschen Führung nicht verstanden, war, daß nach
dem Tod von Metaxa seine Nachfolger und Henker zu "demokratischen
Verbündeten" geworden sein sollten und die Wiedereinsetzung
des Königs ein positiver Faktor für die Befreiung der Menschheit
sei.
Unmittelbar nach
dem deutschen Angriff gab die KKE den Slogan einer verfassungsgebenden
Versammlung aus. Das stellte automatisch die "Königsfrage",
die Frage, ob Griechenland wieder Monarchie werden sollte. Der König
war im Exil, unter dem Schutz von Churchill. Die Forderung der verfassungsgebenden
Verfassung setzte ein Hindernis zwischen dem inneren Widerstand
und dem exilierten Monarchen, und sie war ein Hindernis für die
Annahme der Politik, die die stalinistische Komintern der KKE diktierte.
Ab 1942 wurden die Kommunikationen nicht nur zwischen Moskau und
der KKE schwierig, sondern auch zwischen der Parteiführung und den
Führern der Partisanen. Die KKE begann den Versuch, die Aktivitäten
der Partisanen, die in den Bergen und den Arbeitervierteln in den
Städten immer stärker wurden, zu kontrollieren und zu zentralisieren.
Die Kämpfer wurden von den sogenannten Andartes und Kapetanios geführt,
die populär wurden, weil sie die Forderungen der armen Bauern und
Pächter aufgriffen.
Der griechische
Widerstand (des Proletariats, des Kleinbürgertums und der armen
Bauern) ist nicht durch eine organisatorische Entscheidung entstanden.
So kletterten in der Nacht vom 30. auf den 31.Mai 1941 zwei Studenten
auf die Akropolis und rissen das Hakenkreuz herunter. Für den Historiker
Andre Kedros wurde das zum "Symbol der griechischen Verweigerung
der Unterwerfung". Zu dieser Zeit organisierten oder provozierten
Armeeoffiziere oft die Auflösung der verschiedenen Teile der geschlagenen
griechischen Armee. Die ersten Guerrillagruppen entstanden am Land
und waren mit Gewehren und Munition ausgerüstet, die sie meist ohne
Widerstand auf den Schlachtfeldern und entlang der Straßen, wo die
Armee geschlagen wurde, aufsammelten.
Es gibt eine Tradition
des ländlichen Kampfes in Griechenland. Der "Bandit" wurde
lange als Befreier und Beschützer angesehen und von den Armen verehrt.
Kedros berichtet, wie die Dorfbewohner "bewaffnete Banden als
ein Gegenmittel zu Armut und Unterdrückung", die durch die
Besatzung verursacht oder verstärkt wurden, hervorbrachten. Kleine
Gruppen wurden mehr oder weniger überall ins Leben gerufen. Sie
wurden spontan gebildet und entwickelten ihre eigenen Führungen.
Manche waren junge Männer mit militantem Temperament, andere haben
sich ihre Sporen durch die Flucht aus den Konzentrationslagern von
Metaxa während des Rückzugs der Armee verdient.
Jedenfalls hat
sich die KKE anfangs nicht der Organisierung, Zentralisierung und
Entwicklung dieser Gruppen gewidmet. Sie blieb den Anweisungen Moskaus
ergeben. Sie betrachtete die Formierung einer "nationalen Front"
gegen die Besatzung als ihre erste Aufgabe. Sie war dabei nicht
erfolgreich, hauptsächlich deshalb, weil sie trotz ihrer Anstrengungen
keine konsequente Politik zur Frage der Wiedererrichtung der Monarchie
formulieren konnte. Das war ein sehr sensibler Punkt für die eigenen
Unterstützer. Und es war auch ein sehr sensibler Punkt für die politischen
Kräfte der angestrebten "nationalen Front", die mit der
Bourgeoisie und den Landbesitzern verbunden waren. Diese wollten
weder mit der Monarchie und ihren britischen "Beschützern"
brechen, noch konnten sie.
Die EAM (Nationale
Befreiungsfront) wurde schließlich im September 1941 gegründet,
aber sie war nicht die erhoffte "nationale" Front. Außer
der KKE beteiligten sich nur zwei sehr kleine sozialistische Formationen,
zwei genauso kleine "demokratische" Organisationen und
die Gewerkschaften. Trotzdem akzeptierte die EAM nur eine "nationale"
Basis für den Kampf. Sie lehnte die Berücksichtigung der sozialen
Befreiung ab und richtete sich an die "Nation" - unabhängig
von Klassen. Sie konzentrierte sich auf den Versuch, die Unterstützung
der oberen Schichten der Gesellschaft zu gewinnen, und ignorierte
die Forderungen der Arbeiter.
Der Wunsch, eine
"geeinte Nation" (die nicht geeint war) gegen die Besatzer
aufrechtzuerhalten und die Klassenkräfte der Volksopposition gegen
die Besatzer und die mit ihnen kollaboriernden Teile der Bourgeoisie
zu vernachlässigen, hat die Arbeiter und die unteren Schichten der
Bevölkerung aber nicht davon abgehalten, den Rahmen der Organisation,
die die KKE anbot, zu verwenden. Instinktiv benutzen sie letztere
für den Kampf für ihre Forderungen. Der Zustrom von Kämpfern gab
der EAM genau den proletarischen Charakter, den sie so sehr vermeiden
wollte.
Griechischer Widerstand
Die Arbeiter demonstrierten
zu Tausenden am 18. Oktober 1941, dem ersten Jahrestag der italienischen
Invasion. Im Dezember 1941 nahmen die Studenten den Kampf auf. Am
26. Jänner und 17. März 1942 gingen die verwundeten Kriegsveteranen,
ein besonders unterdrückter Teil der Armen, auf die Straße, unterstützt
von Aktivisten der geheimen EAM, die in Uniformen des Krankenhauspersonals
versteckt waren. Die Organisation weitete sich aus und entwickelte
sich weiter. Am 15. März 1942 gab es in verschiedenen Städten (einschließlich
Athen) Streiks für wirtschaftliche Forderungen. Andere Streiks folgten,
z.B. der von 40000 öffentlich Bediensteten, in dessen Führung trotzkistische
Aktivisten waren. Im August 1942 gab es einen Streik von Düngemittel-Arbeitern
in Piräus. Gleichzeitig führten die Kleinbauern am Peloponnes erfolgreich
eine Reihe von Demonstrationen durch. Die KKE entschied sich, eine
Handvoll von Aktivisten abzustellen, um die Partisanen, die Andartes,
im Rahmen der Nationalen Volksbefreingsarmee (ELAS), dem bewaffneten
Arm der EAM, zu organisieren.
Ein Bericht der
deutschen Abwehr vom November 1942 stellt fest, daß sich ganze Bezirke
Griechenlands in der Hand der Partisanen befanden, die Verräter
exekutieren, die das Getreide verteilen, das sie durch verpflichtende
Abgaben sammeln, daß sie die Dorfbewohner dazu aufrufen, frei ihre
Vertreter zu wählen und alle ihre Probleme demokratisch zu diskutieren.
Der Kampf der Andartes wurde zu einem Faktor im ländlichen Klassenkampf,
durch die Dynamik der Ereignisse und gegen die Absichten ihrer politischen
Führer. Die Partisanengruppe, die vom gefeierten Aris Velouchiotis
geführt wurde, nahm an spektakulären Sabotageaktionen im Kommunikations-
und Transportbereich teil, was die deutsche Militärmaschinerie desorganisierte.
Es ist nicht möglich,
hier die Geschichte der Massenbewegung in Griechenland im Detail
anzuführen. Am 22. Dezember 1942 streikten 40.000 Menschen. Die
Demonstrationen und Streiks, die der Ankündigung eines verpflichtenden
Arbeitsdienstes in Deutschland folgten und die sich vom 24. Feber
bis 5. März 1943 entwickelten, resultierten in dem einmaligen Fall,
daß die Besatzungsmacht die Angelegenheit fallen ließ. Ab 1943 war
der bewaffnete Kampf nicht länger die Arbeit von kleinen Gruppen,
sondern von richtigen militärischen Einheiten. Wenn sie in einer
Region mit dem Ziel der Ausweitung der befreiten Zonen ankamen,
fand dort ein sofortiger Massenaufstand der bewaffneten Bevölkerung
statt. Kedros erklärt, daß "die ganze Bevölkerung in den bewaffneten
Widerstand eingebunden" war. Die Massenbewegungen in den Städten
waren nicht zu unterdrücken. Am 25. Juni gab es in Athen einen Generalstreik
gegen die Hinrichtung von Geiseln durch die Besatzungsmacht. Der
Straßenbahnfahrerstreik, der am 12. Juni begann, hatte dazu geführt,
daß 50 Straßenbahner zum Tod verurteilt wurden. Sie wurden durch
den Generalstreik gerettet. Ab 1944 waren nicht nur große ländliche
Gebiete befreit, sondern die deutschen Truppen konnten sich nur
in bewachten Konvoys durch die Städte bewegen. Der "Rote Gürtel",
die Arbeiterviertel um Athen, waren nichts anderes als Festungen
der bewaffneten Bevölkerung.
Während all dem
behaupteten die KKE-Führer, die die EAM und die ELAS kontrollierten,
weiterhin, daß sie einen rein nationalen Kampf führten, und verneinten
jeden Klassencharakter. Das war freilich in keinster Weise die Meinung
der griechischen Exilregierung unter dem Schutz von Churchill. 1942
gruppierten sich Teile des Offizierkorps - "der letzte Schutz
des Staates" wie Churchill (in der Zeit Francos!) sagte - in
der Grivas Khi-Organisation, der Pan-Organisation, der Militärhierarchie,
den Zervasites und den Dentirisites, verbunden mit dem Geheimdienst
Metaxas, und organisierten einen Gegenangriff.
Sie versuchten
eine "nationale Guerrilla" zu organisieren - mehr mit
dem Ziel, die "kommunistische Guerrilla" zu bekämpfen
als die Besatzer. Es handelte sich um das exakte Äquivalent zu Mihajlovic
in Jugoslawien, dem serbischen Oberst, der die Cetniks anführte,
der Minister in der Exilregierung des Königs war und der bewaffnet
gegen Titos Partisanen kämpfte. Sie hatten keinen Mangel an Geld
oder Ausrüstung. Sie wollten neue Formationen bilden, hofften aber
auch, die schlechter ausgerüsteten Aktivisten der ELAS zu unterwandern.
Einer der Führer der britischen Sondereinsatzkommandos, Eddie Myers,
zitiert in seinen Memoiren ein Dokument zu diesen Fragen. Es bestätigt
die trotzkistische Analyse (Notwendigkeit der permanenten Revolution
versus stalinistische Etappentheorie/"nationale" Befreiung/Volksfront)
und demonstriert, was für eine klare Sicht Churchill hatte, der
Vorreiter der existierenden Ordnung, der Stratege der anderen Seite
des Klassenkriegs. Myers` Offiziere informierten ihn im April 1943,
daß "die Behörden in Kairo nach der Befreiung Griechenlands
einen Bürgerkrieg für unvermeidlich halten".
Die Massenbewegung
füllte die Reihen der EAM und der ELAS, die immer stärker wurden.
Sie wischte die Unterwanderungsversuche vom Tisch und stellte ihre
eindeutige Vorherrschaft klar. Oberst Saraphis, der "demokratische"
Offizier, der als Mihajlovic von Griechenland ausgewählt wurde,
entschied, in die ELAS einzutreten, weil er feststellte, wie effizient
und repräsentativ sie war. Die italienische Kapitulation brachte
mehr Waffen in die Hände der Andartes und ihrer zivilen Verbündeten,
als die Alliierten mit Fallschirmen abwarfen.
Das entscheidende
Jahr war 1943. Ioannis Rallis, ein Politiker, von dem auch die Deutschen
wußten, daß er in Kontakt mit dem britschen Geheimdienst war, wurde
Premierminister des besetzten Griechenlands. Die herrschende Klasse
bereitete aktiv und bewußt die Umwandlung des nationalen Krieges
in einen Bürgerkrieg vor. In Athen existierten die Sicherheitsbataillons,
Milizen mit einer finsteren reaktionären Reputation. Im Exil in
Kairo gab es die Bergbrigade. Beide waren dazu gedacht, die Volksbewegung
zu zerschlagen. Die KKE erklärte, daß sie mehr denn je die Zusammenarbeit
mit der "nationalen Guerrilla" suche, und wünschte "Tolerierung",
was bedeutete, auf eine Klassenhaltung zu verzichten, während sich
zur selben Zeit die Bourgeoisie auf Angriffe gegen die Linke vorbereitete.
Im März 1943 wurde Aris Velouchiotis aus seiner Basis in den Bergen
nach Athen vorgeladen - trotz der Gefahren, die eine solche Reise
beinhaltete - , um eine schwere Rüge zu erhalten.
Im selben Mai,
in dem die Kommunistische Internationale aufgelöst wurde, nahm die
KKE eine Orientierung an, von der sie nicht mehr abweichen sollte:
"Die KKE unterstützt alle möglichen Kampfmittel für die nationale
Befreiung und wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um alle patriotischen
Kräfte in einer einzigen unzerbrechlichen nationalen Front zu sammeln,
die das ganze Volk vereinen wird, um das ausländische Joch abzuschütteln
und an der Seite unserer großen Alliierten die nationale Befreiung
zu erlangen."
Zur gleichen Zeit
entwickelte die KKE ihre eigene politische Polizei, die OPLA, rekrutiert
aus zuverlässigen Mördern. Sie wurde mehr gegen "Trotzkisten"
und Linke in den eigenen Reihen eingesetzt als gegen wirkliche Kollaborateure.
Meuterei in Ägypten
Die Politik aller
politischen Strömungen wurde dem ersten Test unterzogen, als die
griechische Armee in Ägypten meuterte. Die Geschichte dieser Vorgänge
ist noch immer ziemlich unbekannt. Die Angelegenheit fand in dem
statt, was in Analogie zu Frankreich als "freies Griechenland"
bezeichnet werden könnte. Es bestand, nach der Niederlage der griechischen
Streitkräfte im April 1941, aus den Resten der griechischen Armee
und Flotte, aus führenden Staatsbeamten und Ministern von König
Georgs Exilregierung.
Diese Persönlichkeiten,
besonders die militärischen Führer, waren wichtige Figuren in der
Diktatur Metaxas. Viele Leute glaubten, daß das der Grund für ihren
"Verrat" angesichts der Nazi-Invasion war. Trotzdem, wie
Dominic Eudes sagt: "Neben der royalen Clique von Offizieren
und Politikern wurde in Ägypten jedenfalls der Embryo einer neuen
griechischen Armee geformt." Sie war aus Leuten zusammengesetzt,
die von Militäreinheiten über den Seeweg gekommen sind, aus Freiwilligen,
die große Entbehrungen auf sich genommen hatten, um einzeln nach
Ägypten zu gelangen, und aus Seeleuten der Handels- und Kriegsmarine.
Es waren Leute, die "gegen Faschismus für Freiheit und Demokratie
kämpfen" wollten, wie der neue "liberale" Regierungschef
sagte. Ein Konflikt zwischen der Masse der 20.000 Männer, die nach
Ägypten gegangen sind, um den Faschismus zu bekämpfen, und der monarchistischen
Camarilla, der es wie Churchill vor allem darum ging, "Griechenland
vom Kommunismus zu retten", war unvermeidlich.
Im Oktober 1941
wurde innerhalb der griechischen Armee im Nahen Osten eine Geheimorganisation
gebildet, die Militärische Organisation für die Befreiung (ASO).
Die Ziele waren einfach. Sie wollten griechische Einheiten an die
Front schicken, um gemeinsam mit dem Widerstand zu kämpfen. Und
sie wollte der Infiltration der Armee in Ägypten durch Sympathisanten
Metaxas, die nach dem Krieg in Griechenland ihr Regime wiedererichten
wollten, entgegentreten. Die metaxistischen Kader verlangten, daß
Kader, die mit der ASO sympathisierten, in großen Umfang aus der
Armee entfernt werden sollten. Die Offiziere, die aus der Zweiten
Brigade entlassen werden sollten, wurden inhaftiert und ersetzt.
Die Meuterer blieben angesichts der Bedrohung standhaft. Die Erste
Brigade unterstützte sie. Die Regierung fügte sich dem und akzeptierte,
daß die metaxistischen Offiziere isoliert werden sollten - einerseits
um zu verhindern, daß die Dinge außer Kontrolle geraten, und andererseits
um eine neue Attacke vorzubereiten. In den nächsten Monaten wurden
Militäreinheiten aufgelöst, die Rebellen wurden durch Disziplinarmaßnahmen
bestraft. Und schließlich wurden die subversiven Elemente hinausgesäubert,
und die Offiziere, die isoliert worden waren, wurden zurück in Schlüsselpositionen
gebracht.
Die zweite Meuterei
war ernsthafter und bedeutender. Die Forderungen der Offiziere unter
dem Einfluß der ASO waren zweifellos politischer als zuvor. Unter
dem Druck der Mannschaften präsentierte das Komitee für die bewaffnete
Koordination - sobald die wirkliche provisorische Regierung des
Widerstands in Griechenland, die PEEA, gebildet wurde - eine Petition,
die von der Mehrheit der griechischen Soldaten unterzeichnet war.
Sie verlangte, daß eine wirkliche Regierung der "nationalen
Einheit" auf der Basis der Vorschläge der PEEA gebildet werden
sollte. Die Initiative kam weder von der EAM und der ELAS noch von
Griechenland, sondern von den Ideen der Soldaten - entsprechend
der Situation in ihrem Land und den Bedingungen, unter denen sie
wirklich "den Faschismus bekämpfen" könnten.
Am selben Tag,
dem 31. März 1944, verlangten die Delegierten der Soldaten und das
gemischte Komitee, mit ihrer Petition in der sowjetischen Botschaft
empfangen zu werden. Der Botschafter ließ die Tore vor ihnen verschließen.
Sie fanden kein Echo und keine Unterstützungszusagen außer vom linken
Flügel der britischen Labour Party. In Ägypten aber genossen sie
die Sympathie der ägyptischen Bevölkerung, die immer ein nahes Verhältnis
zu den griechischen Arbeitern hatte. Es gab eine Serie von Kundgebungen
und Demonstrationen in Alexandria und Kairo. Am 4. April intervenierte
die ägyptische Polizei, Seite an Seite mit der griechischen Exilregierung
und den Briten, und inhaftierte etwa 50 kämpferische Arbeiter und
Gewerkschaftsführer, besonders die Führer der griechischen Hafenarbeiter.
Das britische Oberkommando seinerseits entwaffnete zwei Regimenter
und brachte 280 "Rädelsführer" in Konzentrationslager.
Am 5. April entwaffnete es die Einheit, die dem Oberkommando der
griechischen Armee angeschlossen war, und internierte die Meuterer.
Ab diesem Zeitpunkt standen die Meuterer mit dem Rücken zur Wand.
Die Erste Brigade verhaftete dennoch ihre metaxistischen Offiziere,
reorganisierte ihr Kommando und verweigerte die Waffenübergabe,
die sie als Vorspiel der Internierung betrachtete. Die Bewegung
weitete sich auf die Marine aus, auf den Zerstörer Pindos, den Kreuzer
Averoff, auf die Ajax und einige andere. Die Besatzungen wählten
gemischte Komitees aus Mannschaften und Offizieren, um das Kommando
zu übernehmen. Der britische Botschafter bei der griechischen Regierung
in Kairo, Reginald Leeper, telegraphierte an Churchill: "Was
hier unter den Griechen passiert, ist nichts anderes als eine Revolution."
Churchill übernahm
direkt und persönlich die Kontrolle über die Repression. Die Ankunft
von König Georg II. war gleichzeitig ein Symbol und eine Provokation.
Die Unterstützung der ägyptischen Jugend für die Meuterer war eine
Hoffnung. Aber am 13. April erklärte Admiral Cunningham, daß er
entschieden habe, die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen und,
falls notwendig, die griechischen Schiffe im Hafen von Alexandria
zu versenken. Die meuternden Landeinheiten wurden umstellt, das
Wasser abgeschnitten, die Eingeschlossenen ausgehungert. Am 22.
April wurde vom führenden Metaxisten, Admiral Voulgaris, eine
erfolgreicher Überfall auf die Ajax durchgeführt. Auf die anderen
Schiffe waren britische Kanonen gerichtet und sie gaben auf. General
Paget fuhr seine Panzer gegen die Erste Brigade auf, die in der
Folge auch kapitulierte. Innerhalb von wenigen Tagen fanden sich
etwa 20.000 griechische Freiwillige der Armee des Nahen Ostens in
Konzentrationslagern in Libyen und Eritrea wieder.
Die griechische
Armee im Nahen Osten existierte nicht länger. Der Weg war frei für
die Bildung von speziell vorbereiteten Stoßtruppen - technisch ausgerüstet
und politisch trainiert für den Bürgerkrieg nach der "Befreiung".
Die britische Zensur unterdrückte Presseberichte über diese Vorgänge.
Es handelte sich nicht um eine kleine Episode, sondern um ein bedeutendes
Alarmsignal, was die gewaltsame Antwort der britischen Behörden
erklärt. Es entlarvt den Mythos über die "nationale Verteidigung"
und die "nationale Einheit". Die 20.000 Freiwilligen wollten
"Verteidigung" und "Einheit". Aber ihre Führer
wollten nicht und zerschlugen die Freiwilligenverbände. Diese Vorgänge
enthüllen die Lüge vom "Krieg gegen Faschismus und für Freiheit
und Demokratie". Die Griechen betrachteten Metaxa als erwiesenen
faschistischen Diktator. Churchills Politik hatte die Restauration
der Herrschaft der Kräfte zum Ziel, auf die sich Metaxa gestützt
hatte.
Trotzkis Äußerungen
von 1940 über den Krieg wurden konkret. Die griechischen Soldaten
im Nahen Osten wollten - mit der Waffe in der Hand - gegen den Faschismus
kämpfen. Sie forderten deshalb Offiziere, denen sie vertrauen konnten,
verbündeten sich mit der Arbeiterbewegung und bildeten ihre eigenen
räteähnlichen Organisationen. Das waren genau die Linien, die Trotzki
entwickelte, als er schrieb, daß die Verteidigung der "Demokratie"
nicht Leuten wie Marschal Petain überlassen werden könne. Die Massenbewegung,
die aus dem Krieg entstand, drückte sich entlang dieser Linien aus
- auch in der Armee, dem zentralen Teil der militarisierten Gesellschaft,
der nicht weniger wichtig war als die Fabriken.
Revolution und Konterrevolution
Die Gespräche in
Moskau und die darauffolgenden Verhandlungen führten zu der Vereinbarung,
daß Churchill in Griechenland freie Hand haben sollte. Die KKE und
damit die EAM sollte schließlich der Massenbewegung in Griechenland
selbst das Genick brechen, nachdem sie der Unterdrückung der Meuterer
politisch zugestimmt hatten.
Nach der Krise
im April 1944 wurde die Exilregierung in Kairo George Papandreou
(einem Konservativen, der nicht durch eine reaktionäre Vorgeschichte
völlig diskreditiert war) anvertraut, der half, die antikommunistischen
Formationen zu entwickeln. Unter seinem Druck unterzeichneten die
Führer von EAM und ELAS am 30. Mai 1944 die Libanon Charter, die
den "Terrorismus" der ELAS und die Disziplinlosigkeit
der Meuterer verurteilte, die die Frage der Monarchie offen ließ
und die einem einzigen Kommando der griechischen Streikräfte und
der Wiederherstellung der Ordnung "gemeinsam mit den alliierten
Truppen" zustimmte. Die EAM und die ELAS waren damit nicht
glücklich, verhandelten einige Wochen und verlangten Ministerposten
und einen Wechsel des Premierministers.
Jedenfalls kam
dann eine sowjetische Mission, geführt von Oberst Popov, nach Griechenland
und machte den Widerständen ein Ende. Die KKE und die EAM traten
bedingungslos in die Regierung ein. Als die deutschen Truppen am
12. Oktober 1944 Athen verließen, rief die KKE die griechische Bevölkerung
auf, "die öffentliche Ordnung sicherzustellen". Sie stellte
auch sicher, daß Papandreou an die Macht gelangte. Dieser kam mit
den britischen Truppen an - zu einem Zeitpunkt, als die ELAS im
ganzen Land die reale Macht ausübte.
Churchill provozierte
den Widerstand, indem er General Scobie, dem Befehlshaber der alliierten
Truppen, befahl, die militärischen Formationen der Kollaborateure
als "Sicherheitsbataillone" beizubehalten, zu verbieten,
daß sie gesäubert wurden, und dafür zu sorgen, daß die Papandreou-Regierung
am 2. Dezember 1944 die ELAS-Einheiten entwaffnen konnte. In eine
Demonstration am 3. Dezember in Athen gegen die Entwaffnung der
ELAS wurde von der Polizei hineingeschossen. Dieser Überfall auf
die größte Demonstration der griechischen Geschichte hinterließ
dutzende Tote und hunderte Verwundete. Dem folgten in Athen 33 Tage
bewaffneter Kampf zwischen den "Ordnungskräften" um Scobie
und denen des lokalen Widerstands. Diese "Ordnungskräfte"
gegen die Athener Arbeiterschaft bestanden aus etwa 50.000 britischen
Soldaten, die zu großen Teilen von der Front gegen Nazideutschland
(besonders aus Italien) abgezogen wurden, und aus griechischen monarchistischen
und faschistischen Todeskommandos. Churchill telegraphierte an Scobie:
"Zögern Sie nicht zu handeln, als befänden Sie sich in einer
eroberten Stadt, in der eine lokale Rebellion im Gange ist. Wir
müssen Athen halten und beherrschen."
Schließlich konnte
Churchill seinen Plan, die griechische Revolution zu zerschlagen,
durchziehen. Er erklärte, daß er interveniert habe, um ein "schreckliches
Massaker" zu verhindern und um das aufzuhalten, was er den
Sieg des "triumphierenden Trotzkismus" nannte - mit einem
komplizenhaften Grinsen in Richtung Stalin. Vom 3. Dezember an waren
die ELAS-Einheiten, deren Führer sich entschieden hatten, die Waffen
nicht auszuliefern, durch die Befehle paralysiert, nicht auf britische
Truppen zu schießen, die - wie Churchill es ausdrückte - durch den
"goodwill" von Roosevelt und Stalin in Griechenland waren.
Den Andartes in Makedonien, den Stoßtruppen und den Kräften in den
Bergen wurde von der KKE-Führung befohlen, ruhigzuhalten und der
Ausrottung der Kämpfer in Athen zuzusehen. Der Heroismus, mit dem
diese kämpften, konnte gegen die Politik der Führer nicht die Oberhand
gewinnen. Letztere hatten sich entschlossen, die Kämpfer in die
Kapitulation zu führen, die von Moskau verlangt wurde.
Die Varkiza-Vereinbarung
vom 15. Feber 1945 sah vor, daß alle Kräfte des Widerstands entwaffnet
werden sollten, aber die ELAS-Kräfte in Athen unterwarfen sich dem
nicht. Die Kräfte am Land unterstützten sie nicht. Zu diesem Zeitpunkt
verstand Aris Velouchiotis das Ausmaß des Verrats der KKE. Am 12.
Juni wurde er in der KKE-Zeitung Rizospastis angegriffen. Am 16.
Juni wurde er ermordet, und am 18. Juni wurde sein Kopf öffentlich
in den Dörfern ausgestellt. Es ist nicht klar, wie viele Widerstandskämpfer
in dieser Zeit im Feuer der britischen Armee und der konterrevolutionären
Formationen, die die Deutschen in Athen und die Briten in Kairo
gebildet hatten, gefallen waren. Trotzdem waren auch nach dieser
Niederlage noch einige weitere Jahre Bürgerkrieg und stalinistischer
Verrat notwendig, um das Kampfpotential der griechischen Revolution
in dieser Periode zu erschöpfen.
Literatur zum Widerstand und zur Revolution in Griechenland:
* A.Kedros, La Resistance Greque: 1940-44; * S.Vukmanovic-Tempo,
How and Why the People`s Liberation Struggle of Greece Met With
Defeat, London 1985; * D.Eudes, The Kapetanios, 1972; * W.Churchill,
The Second World War, Volume 5, London 1952; * M.Spiro, The Greek
Revolution, Quatrieme Internationale 1945;* L.Trotzki, Schriften
zum imperialistischen Krieg, Frankfurt/Main 1978; * L.Karliaftis,
Stalinism and Trotskyism in Greece, 1924-1949, in: RH V.3 No.3 Spring
1991; * L.Karliaftis, On War and Revolution, in: RH V.3 No.3 Spring
1991; * L.Karliaftis, In Devotion to P Pouliopoulos and the Militant
Trotskyists/Archeiomarxists Killed by the Fascists and the Stalinists;
* D.G.Kousoulas; Revolution and Defeat: The Story of the Greek Communist
Party, Oxford 1965; * A.Stinas, Memoires, Montreuil 1990; *Ê P.Broue,
How Trotsky and the Trotskyists confronted the Second World War,
in: RH, V.3, No.4, Autumn 1991
http://www.agmarxismus.net/vergrnr/m04_2_griechenl.htm
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