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Junge Welt, 21.05.2005

Heike Schrader  

Mütter im Widerstand  

Der mutige Einsatz der "PEME"-Aktivistinnen während der Militärdiktatur in Griechenland  

In Griechenland war der Diktatur unter dem faschistischen General Metaxa (1936-1941), der Besatzung durch Nazideutschland (1941- 1944) und dem griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) eine nur wenige Jahre währende Phase der parlamentarischen Demokratie gefolgt. Im Anschluß an die Befreiung - die durch eine breite Volksbewegung und Partisanenarmee im Inneren des Landes maßgeblich miterreicht wurde - hatten das reaktionäre griechische Königshaus, das ebenso reaktionäre Militär und die während Diktatur und Bürgerkrieg das Land terrorisierenden paramilitärischen Kräfte jedoch auch in dieser Zeit ihre Herrschaft im griechischen Staat nicht aus der Hand gegeben. Daran hatten auch die häufig wechselnden, teilweise gegen den erklärten Willen der Wähler vom König eingesetzten Regierungen nichts ändern können. Als sich die Widersprüche zwischen dem Willen des Volkes und der autoritären Herrschaft zuspitzten und sich ein Erdrutschsieg der demokratischen Kräfte bei den für den 28. Mai 1967 angesetzten Wahlen abzeichnete, griff das Militär erneut nach der Macht. Mit einem Putsch übernahm am 21. April 1967 der Offizier Georgios Papadopoulos (1919- 1999) die Herrschaft. In den sieben Jahren seiner Militärdiktatur bis 1974 wurden erneut Tausende Griechen verfolgt, gefoltert, ermordet, ins Gefängnis gesteckt oder ins Exil getrieben. Viele von ihnen hatten bereits gegen die Besatzung durch das faschistische Deutschland oder im Bürgerkrieg auf Seiten der Linken gekämpft. Nicht nur in Griechenland werden ihre Namen und Taten bis heute in der Erinnerung der Menschen lebendig gehalten. Ein anderer wichtiger Teil des griechischen Widerstandes aber ist, zumindest im Ausland, kaum bekannt.

Die Rede ist von den weiblichen Angehörigen der Verfolgten, die den Kampf des griechischen Widerstandes gegen die Militärdiktatur öffentlich machten. Die Mitglieder der "Fortschrittlichen Vereinigung der Mütter Griechenlands, PEME" sind heute fast alle weit über 70. Einige von ihnen wurden während der Militärdiktatur ins Gefängnis gesteckt oder in die Verbannung geschickt. Alle hatten mindestens einen Familienangehörigen, der von den Schergen des Diktators Papadopoulos eingekerkert, gefoltert oder umgebracht wurde. Die Aktionen der "PEME-Mütter" retteten manchem Aktivisten das Leben. Und auch heute noch haben es sich die wachsamen und regen alten Damen zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an den Widerstand gegen die Diktatur am Leben zu erhalten, auf daß eine Wiederholung der Geschichte unmöglich gemacht werde.

"Im Gedenken an den Kampf unserer Kinder"

Für die "Fortschrittliche Vereinigung der Mütter Griechenlands" berichtet die stellvertretende Vorsitzende Efthimia Kiaou über den damaligen Widerstandskampf ihrer Organisation

Noch am ersten Tag der Militärdiktatur begannen überall in Griechenland die Festnahmen. Die in Athen Verhafteten, alle entweder Mitglieder des griechischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht, aktive Mitglieder der Jugendorganisation der Vereinigten Demokratischen Linken EDA oder der Lambrakis-Jugend, wurden auf dem Gelände der Pferderennbahn an der Küste gesammelt. Ich weiß nicht, wie viele, aber sicher waren es Tausende. Von den Angehörigen wußte niemand, wo sich die Festgenommenen befanden. Wir liefen zur Sicherheitspolizei, bekamen aber keine Auskunft. Erst am zweiten Tag wurde bekannt, wo die Gefangenen waren. Alle Frauen liefen zur Pferderennbahn. Die Atmosphäre war geladen, und bereits zu Beginn der Massenverhaftungen gab es den ersten Toten. Die gefangenen Männer wurden am Abend gemeinsam aus dem Stadion gebracht, damit sie ihre Notdurft verrichten konnten. Auf dem Rückweg erschossen die Soldaten Panajiotis Elis, um die anderen einzuschüchtern. Sofort kam es zu Protesten. Auch die Menge der Frauen draußen geriet in Aufruhr, als sie von dem kaltblütigen Mord erfuhr.


Folter und Terror

In dieser ersten Phase der Verfolgung wurde noch nicht gefoltert. Nur den damaligen Abgeordneten der Vereinigten Demokratischen Linken, Ilias Iliou, folterten die Wächter so brutal, daß er kaum mehr wiederzuerkennen war.
In den folgenden Tagen wurden die Gefangenen aus dem Stadion in den Hafen gebracht. Von dort ging die Fahrt nach Yiaros, einer kleinen Insel der Kykladen. Die Bedingungen waren unmenschlich. Es gab kein Wasser und nichts zu essen. Alles mußte mit dem Schiff von Syros herbeigeschafft werden.
Es begann die Zeit der Folterungen, der Massenprozesse vor den Militärgerichten, die mit Urteilen zu hohen Gefängnisstrafen oder Verbannung endeten. Tausende und Abertausende Intellektuelle, Ärzte und vor allem Studenten und Arbeiter wurden in die Verbannung geschickt, zu Gefängnisstrafen und teilweise auch zum Tode verurteilt. Unter ihnen auch Alexandros Panagoulis. Der bekannte Dichter wurde 1968 nach einem mißglückten Bombenanschlag gegen den Diktator Papadopoulos gefaßt. Seine Mutter, Athina Panagoulis, die neben Alexandros einen weiteren Sohn und Widerstandskämpfer durch die Junta verlor, war bis zu ihrem Tod im Jahre 1991 Vorsitzende der PEME.
Während die antidiktatorischen Organisationen in der Illegalität weiter arbeiteten, harrten die Angehörigen der Verhafteten jeden Tag vor den Gefängnissen, vor den Folterkammern aus. Um in Kontakt mit den Gefangenen zu kommen, brachten wir Mütter Essen für unsere Kinder. Die Wärter übergaben uns dafür die blutigen Kleider der Gefolterten. Sie versuchten, die Mütter dafür einzuspannen, ihre Kinder zum Aufgeben und zum Unterschreiben der berüchtigten "Reueerklärung" zu bringen, in der sie erklärten, die Junta anzuerkennen und dem Kampf abzuschwören.
Dort, vor den Folterkammern und den Gefängnissen, lernten die Mütter der heutigen PEME einander kennen. Wir beschlossen damals, daß wir, wenn die Junta überstanden sei, eine Vereinigung gründen würden, die der Nachwelt unsere Erfahrungen vermitteln sollte. Abordnungen unserer Organisation gingen überallhin. Zur Kirche, zu Amnesty International, zu den Ministerien. Einiges konnte dadurch erreicht werden. Nur die Orthodoxe Kirche zeigte sich während der gesamten Zeit der Diktatur völlig uninteressiert. Als 1969 auf der internationalen Kirchensynode über die Junta gesprochen werden sollte, erschien Geronimos, der Erzbischof Griechenlands, einfach nicht. Sein heutiger Nachfolger Christodoulos erklärte erst unlängst, daß er damals studiert und von nichts gewußt habe.
Viel Hilfe bekamen wir von den ausländischen Medien. Vor allem die Korrespondenten der Deutsche Welle verbreiteten alle Aktionen der Angehörigen. Auch die Nachrichtenagenturen Schwedens und Frankreichs, Großbritanniens und natürlich die Agenturen aus Moskau informierten die griechische und internationale Öffentlichkeit über die Verhaftungen, die Folterungen und die menschunwürdigen Bedingungen, unter denen die Verbannten lebten. Auf Intervention der ausländischen Medien konnte im Dezember 1967 eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes auf die Verbannteninsel Yiaros fahren. Danach gab es einige Verbesserungen. Die Verbannten bekamen beispielsweise heißes Wasser. Das Problem der absoluten Überbelegung blieb dagegen bestehen. In den Unterkünften hockten die Gefangenen dicht an dicht.


Wachsender Widerstand

In den folgenden Jahren wuchs der Widerstand gegen die Junta. Im März 1973 besetzten Studierende die Hochschule für Ökonomie in Athen. Im November folgte die berühmt gewordene Besetzung und anschließende blutige Stürmung der Athener Hochschule Politechnion. Wieder wurden Hunderte verhaftet. Und immer waren es die Angehörigen, die auf die Verhaftungen und Folterungen aufmerksam machten. Wenn die Namen der Verhafteten bekannt wurden, informierten wir sofort die Nachrichtenagenturen. Oft konnte das Schlimmste verhindert werden, wenn die Deutsche Welle bereits den Namen des Verhafteten öffentlich machte, als dieser noch die Stufen zum Polizeipräsidium heraufgeführt wurde.

Im Juni 1974 mußte die Junta in Griechenland endlich zurücktreten. Noch im gleichen Jahr wurde die Fortschrittliche Vereinigung der Mütter Griechenlands PEME als offizielle Vereinigung gegründet. Im Gedenken an das Massaker an der Politechnion legten die Mütter dort im selben Jahr ihren ersten Kranz nieder. In aller Öffentlichkeit schworen wir im Gedenken an den Kampf und die Opfer unserer Kinder deren Kampf für Demokratie und eine bessere Zukunft in einem freien und unabhängigen Griechenland fortzusetzen.

Mit dem zum großen Teil schon während der Junta gesammelten Material werden seitdem jährlich bei den Gedenktagen anläßlich des Endes der Diktatur Ausstellungen organisiert, die bei den Jugendlichen heute auf großes Interesse stoßen. Wir haben einen vom Fernsehkanal KRO der holländischen katholischen Kirche gedrehten Dokumentarfilm über das Militärregime übersetzt und an Schulen und gesellschaftliche Organisationen verteilt. Der größte Teil unseres gesammelten Materials wird jetzt der Hochschule Politechnion für ein geplantes Museum zum Widerstand gegen die Junta zur Verfügung gestellt.