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9. Juni 2002
"Kunst geniessen - Massaker vergessen"
"Der deutsche
Urlauber liebt Griechenland und die Stätten der Antike, verdrängt
aber gern die jüngere Geschichte"
(Der Historiker
Martin Seckendorf)
Morgen ist der
58. Jahrestag des Massakers in Distomo. Am 10. Juni 1944 überfielen
Angehörige der 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division das griechische
Dorf Distomo und ermordeten 218 Bewohnerinnen und Bewohner jeglichen
Alters.
Wir sind hier, um Öffentlichkeit für die Überlebenden und ihre legitimen
Forderungen herzustellen.
Das Pergamonmuseum ist dafür bestens geeignet. Es wurde 1875 von
Kaiser Wilhelm I. nach der deutschen Reichsgründung und vor dem
Hintergrund geplanter Weltmachtpolitik in Auftrag gegeben, da -
so der offizielle Katalog dieses Museums - Deutschland "eine neue
kulturelle Legitimation auf allen Gebieten [brauche]. Wissenschaft
und Museen waren aufgefordert, diesen Anspruch einzulösen. In einem
Schreiben an den König hat der damalige preußische Kultusminister
klar formuliert: ›Von besonderer Bedeutung ist es, dass die Sammlung
der Museen, welche bisher sehr arm an griechischen Originalwerken
waren [...] nunmehr in den Besitz eines Werkes griechischer Kunst
von einer Ausdehnung gelangen, welcher etwa nur die großen Reiche
der attischen und der kleinasiatischen Skulpturen des britischen
Museums gleich oder nahe kommen.‹" Dementsprechend wurden korrupten
Potentaten für ein paar Mark antike Kunstschätze abgehandelt, die
dann in das Deutsche Reich verschifft wurden. "Mit Volldampf voraus"
wollte Kaiser Wilhelm II. Deutschland als Weltmacht etablieren,
"Drang nach Größe" war das Motto. Wohl nicht zufällig eröffnete
Wilhelm II. das erste Pergamonmuseum 1901 an genau dem Tag, an dem
er auch Fertigstellung der Berliner "Siegesallee" mit all ihren
militaristischen Denkmälern feierte.
Für dieses Verhältnis von "Kunstsinn" und Krieg steht auch der bemerkenswerte
Umstand, dass Hitler direkt nach der militärischen Besetzung Griechenlands
1941 persönlich weitere deutsche archäologische Ausgrabungen der
klassischen Stätten von Olympia anordnete und zum Teil selbst -
aus den Tantiemen von "Mein Kampf" - bezahlte. Oberaufseher der
Grabungen wurde ein eigens abkommandierter Sturmbannführer der SS,
die zur selben Zeit Kriegsverbrechen an Griechen und Griechinnen
verübte. Dieses Interesse an hellenischen Kunstwerken ging einher
mit der Ausbeutung der Bodenschätze Griechenlands für die Nazi-Kriegswirtschaft,
mit der Verachtung, Erniedrigung und Geiselnahme der griechischen
Zivilbevölkerung und der Liquidierung griechischer KommunistInnen
und WiderstandskämpferInnen.
Während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1945 wurden 460
griechische Ortschaften völlig zerstört und etwa 60.000 Zivilpersonen,
Frauen, Männer und Kinder umgebracht. 65.000 griechische Juden und
Jüdinnen wurden mit Hilfe der Wehrmacht deportiert und in Auschwitz
ermordet. Insgesamt starben etwa 800.000 Menschen in Griechenland,
600.000 von ihnen verhungerten, da ihre Lebensmittel von den Besatzungstruppen
verbraucht, abtransportiert oder vernichtet wurden. Am 10. Juni
ist auch der Jahrestag der hierzulande bekannteren Massaker von
Oradour und Lidice. 1944 wurde der französische Ort Oradour von
der Waffen-SS-Division "Das Reich" überfallen und 650 Menschen umgebracht.
Am 10. Juni 1942 wurde das tschechische Dorf Lidice von SS und Wehrmacht
zerstört, alle männlichen Einwohner erschossen und die Frauen in
Konzentrationslager deportiert.
Distomo ist nur eines von über 60 größeren und fast unbekannten
Massakern, das deutsche Truppen während des Zweiten Weltkrieges
in Griechenland verübten. Nur drei seien hier beispielhaft erwähnt:
Soldaten der 1. Gebirgsjägerdivision "Edelweiß" vernichteten am
16. August 1943 das griechische Dorf Kommeno und ermordeten 317
Einwohner, selbst in Aussagen beteiligter deutscher Soldaten ist
von unglaublichen Grausamkeiten die Rede. Im Dezember 1943 zerstörte
die 117. Jägerdivision die Kleinstadt Kalavryta und 24 Dörfer in
der Umgebung, mehr als 1.300 Männer wurden erschossen. Auch auf
Kreta gab der deutsche Kommandeur im Mai 1941 den Befehl, "mit äußerster
Härte vorzugehen. [...] 1. Erschießungen. 2. Kontributionen [Zwangsabgaben],
3. Niederbrennen von Ortschaften (vorher Sicherstellung aller Barmittel),
4. Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete." Und so
ermordete im September 1943 eine Einheit der 22. Infanteriedivision
fast 500 Einwohner der kretischen Ortschaft Vianos.
Keiner der Mörder von Distomo oder einem anderen Massaker in Griechenland
wurde je von einem deutschen Gericht verurteilt, alle Verfahren
wurden eingestellt und in nicht einem Fall hat die Bundesrepublik
Deutschland eine Entschädigung gezahlt oder irgendwelche Ansprüche
anerkannt. Die zynische Begründung: die Massaker seien keine Verbrechen
sondern kriegsübliche Maßnahmen im Rahmen der Partisanenbekämpfung
gewesen. Außerdem sei Griechenland 1961 mit 116 Millionen DM entschädigt
worden. Tatsächlich wurden bei dieser Zahlung die Opfer von Kriegsverbrechen
überhaupt nicht berücksichtigt und gezahlt wurde von der BRD auch
nur, weil der ehemalige "Kriegsverwaltungsrat" von Thessaloniki,
Max Merten, verantwortlich für die Deportation und Ermordung der
Juden Thessalonikis, 1959 in Griechenland verhaftet und verurteilt
wurde und die BRD Angst hatte, dass der NATO-Staat Griechenland
womöglich durch ein Entschädigungsabkommen mit der DDR diesen zweiten
deutschen Staat offiziell anerkennen würde. Nach der Vereinbarung
einer Zahlung überstellte Griechenland Merten noch 1959 in die BRD,
dort sollte ihm der Prozess gemacht werden, was aber nie geschah.
Die jüdische Gemeinde Thessalonikis klagt heute gegen die Bundesrepublik
auf Rückzahlung der Vermögenswerte, die Merten den wenig später
ermordeten Juden und Jüdinnen 1943 abgepresst hat.
In Griechenland sind ungefähr 10.000 Verfahren für Entschädigungen
anhängig. Im Mai 2000 wurden in einem Verfahren den Klägerinnen
und Klägern aus Distomo vom höchsten griechischen Gericht 55 Millionen
DM Schadensersatz zugesprochen. Beinahe wäre es zu einer Zwangsversteigerung
von BRD-Einrichtungen wie dem Goethe-Institut oder dem deutschen
Archäologischen Institut in Athen gekommen. Die deutsche Regierung
erkennt das Urteil jedoch nicht an und weigert sich hartnäckig zu
zahlen oder auch nur eine Schuld anzuerkennen. Selbst eine Zwangsanleihe
in Höhe von 7,5 Milliarden Reichsmark, zu der die damalige Regierung
Griechenlands gezwungen wurde, soll nicht zurückgezahlt werden,
von Reparationen für die Zerstörungen und geraubten Bodenschätze
ganz zu schweigen. 50 Jahre lang wurde den Opfern gesagt, es sei
zu früh für Entschädigungen, da es noch keinen Friedensvertrag gebe.
Heute, nach dem als Friedensvertrag anerkannten "Vier plus zwei-Vertrag",
wird ihnen gesagt, es sei nach über 50 Jahren doch wohl zu spät.
Diese Haltung, einen Schlussstrich unter die NS-Geschichte ziehen
zu wollen, zynisch auf Zeit zu spielen, keine Mark oder Euro ohne
entsprechenden Druck herauszurücken, entspricht dem Umgang mit der
Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.
War es schwer genug, überhaupt Zahlungen an die wenigen heute noch
lebenden durchzusetzen, so gehen dennoch viele Opfer des Nationalsozialismus
ganz leer aus, und selbst von denen, die bereits als leistungsberechtigt
anerkannt sind, hat die Hälfte noch nicht einmal die erste Entschädigungsrate
ausgezahlt bekommen. Wann und ob die zweite Rate gezahlt wird, ist
heute völlig unklar.
In den letzten Jahren hat sich eine neue "Berliner Republik" in
Richtung Großmacht aufgemacht. Militäreinsätze in aller Welt korrespondieren
mit der aufwändigen Renovierung der Museumsinsel. Während die Restaurierung
zur mehr als eine Milliarde (!) Euro kostenden nationalen Aufgabe
erklärt wird, gibt es für die Entschädigung griechischer Überlebender
keinen Cent. Die Zurschaustellung von de facto vor hundert Jahren
geklauten Kunstwerken nahe des Regierungsviertels soll einen kulturellen Glorienschein
erzeugen, der die Schäbigkeit des Verhaltens der BRD-Regierungen
gegenüber den Opfern deutscher Verbrechen überstrahlt. Heute steht
die Gebirgsjägerdivision "Edelweiß" wieder im weltweiten Einsatz
und ehrt alljährlich unter Beteiligung deutscher Politiker ihre
Toten. Gemeint sind die "gefallenen Kameraden", nicht etwa die Opfer
dieser Einheit, die bei Massakern in Griechenland und "Sühnemaßnahmen"
in Jugoslawien Tausende umgebracht hat.
Täter werden geehrt, Opfer vergessen. Wir sind hier, damit das nicht
gelingt.
Die Forderungen der Opfer nach Entschädigungszahlungen endlich erfüllen!
Erinnern statt Vergessen - gegen die Schlussstrichpolitik!
Initiative gegen das Vergessen.
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