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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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137. Verhandlungstag, Montag,
11. September 2006
Heute sind zunächst Zeugen
der Verteidigung für den Kronzeugen Patroklos Tselentis an der Reihe.
Als erster sagt Minas Tselentis, ein entfernter Verwandter und enger
Freund des Angeklagten, aus. Er erklärt, gegen jede Form von Gewalt
zu sein und bezeichnet Tselentis als Idealisten, der seine Mitgliedschaft
in der 17N bereut habe. Die in erster Instanz verhängten 25 Jahre
seien sehr viel, so der Zeuge. Patroklos Tselentis sei „ein Mensch,
der sich anstrengt, der eine Frau hat. Lassen sie ihn doch ein Kind
zeugen. Er stellt keine Gefahr mehr für die Gesellschaft dar.“ Nächster
Zeuge ist der Herausgeber der sozialdemokratischen Tageszeitung
Avriani und Besitzer des konservativen Fernsehkanals Alter, Giorgos
Kouris. Wie Tselentis stammt auch Kouris von der Insel Kefalonia
und kennt die Familie des Angeklagten. Neben Aussagen wie: „Heutzutage
können nur Verrückte annehmen, dass man die Gesellschaft mit Gewalt
ändern kann“, gibt es auch Interessantes zu hören. So charakterisiert
Kouris die Taten der Organisation als politische und verweist auf
die Verantwortung des Staates: „Manchmal führt die staatliche Gewalt
enthusiastische, sensible Menschen zu Taten, die nicht richtig sind.“
Nach Meinung des Zeugen hätte die 17N nie zu den Waffen gegriffen,
wenn die Justiz in Griechenland funktionieren würde. Er fordert
das Gericht auf, den Angeklagten eine Chance zu geben und erklärt
insbesondere, er würde D. Koufodinas sofort als Journalisten einstellen.
„Bush ist ein größerer Verbrecher“, erklärt Kouris. „Wenn ich könnte,
würde ich den in eine Zelle sperren.“
Überraschungszeuge des Tages
ist der bekannte Rechtsanwalt Alexis Kougias. In erster Instanz
hatte Kougias trotz Bitten der Ehefrau von Tselentis nicht ausgesagt.
Unter anderem erklärt der Zeuge, Menschen, die extreme Positionen
bezögen, täten dies nicht aus eigennützigen Motiven. Im Gegenteil,
sie würden Karrieren opfern. Er beschreibt die Familie Tselentis
in den schönsten Farben. P. Tselentis hätte schwere juristische
Verfehlungen begangen, aber in einer Gesellschaft, in der die Justiz
Verbrechen wie den Börsenskandal unbestraft gelassen habe. Im Zusammenhang
mit dem Börsenskandal, der tausende Menschen arm gemacht hatte,
erwähnt er einen Bürger, der vor laufenden Fernsehkameras gefragt
habe, wo die 17N bleibe. Die Organisation habe Lücken gefüllt, die
das System gelassen habe. Der Zeuge fordert das Gericht auf, die
Angeklagten zwar zu bestrafen, nicht aber auf den Gedanken zu kommen,
sie als gemeine Verbrecher zu bezeichnen. Besonders Koufodinas betreffend
widerspricht Kougias der Meinung, die Mitglieder der 17N hätten
geraubt, um sich ein Leben in Luxus zu ermöglichen. Ein Leben, wie
Koufodinas es geführt habe, sei mit Sicherheit nicht angenehm. Das
müsse jeder dem Angeklagten zugestehen. „Es ist sicher, dass sie
mit einer Art ethischem Gleichgewicht lebten, das sich von unserem
unterscheidet, aber es ist nicht ehrenvoll für die Geschichte, sie
als terroristische Organisation zu bezeichnen.“
Nächster Zeuge der Verteidigung
ist Gerasimos Liontos Redakteur der politischen Wochenzeitung Kontra.
Er stellt die Frage, ob in Griechenland Demokratie herrsche, um
sie verneinend zu beantworten: „Wir leben in einer bürgerlich-parlamentarischen
Diktatur“. In einer solchen gebe es kein ethische Barriere gegen
die Existenz von Organisationen der bewaffneten revolutionären Gewalt.
Kriterium für die Existenz solcher Organisationen sei nicht deren
Unterstützung durch das Volk, sondern die Tatsache, dass man in
einer Demokratie zum Nutzen von weniger als 5 Prozent der Bevölkerung
lebe. Gefragt nach einer Wertung der Übernahme der politischen Verantwortung
durch D. Koufodinas erklärt der Zeuge, diese Tat hätte einen riesigen
Widerhall im griechischen Volk gefunden. Auch wer nicht den Aktionen
des Angeklagten zugestimmt habe, hätte sie als wagemutige und stolze
Haltung charakterisiert. „Die Kommunisten fürchten ihre Verantwortung
nicht“, erklärte das ehemalige Mitglied der (damals illegalen) Kommunistischen
Partei Griechenlands. „Sie stellen sich ihr.“
138. Verhandlungstag, Dienstag,
12. September 2006
Heute geht es weiter mit Zeugen
der Verteidigung für D. Koufodinas. Der Lehrer Dinos Pandelidis
hat den Angeklagten 1991 auf der Insel Gavdos kennengelernt. Er
beschreibt die Lebensumstände von D. Koufodinas und seiner Lebensgefährtin
Angeliki Sotiropoulou als sehr einfach, in einem eher ärmlichen
Haus, das nur durch den Reichtum an Büchern auffiel. „Ich glaube
nicht, dass Mitsos (gebräuchlicher Kosename für Dimitris, d. Verf.)
etwas Böses tun wollte“, so der Zeuge. „Ihn trieb die Liebe für
die Gesellschaft an.“ Auf Gavdos rede man nur Gutes über den Angeklagten,
erklärte Pandelidis. „Für sie ist er noch immer einer der Ihren.“
Nächster Zeuge ist der Veteran der kommunistischen Bewegung Giannis
Makrygiannis. Während der Militärjunta wurde seine gesamte Familie
verfolgt, er selbst verbrachte Jahre in den Kerkern und Konzentrationslagern
der Junta. Er beschreibt den von der 17N bei einem Anschlag 1987
verletzten Staatsanwalt Tarasouleas als einen Folteranwalt der Junta,
der nach Beendigung der Diktatur nicht etwa bestraft, sondern zum
Staatsanwalt am höchsten Gerichtshof in Athen befördert wurde. „Einige
Menschen“, schließt er seine Ausführungen, „die ich im Gesicht von
Koufodinas wiedererkenne, sind die Erben des Widerstandes des griechischen
Volkes, der EAM. Gewalt erzeugt Gewalt. Anders geht es nicht.“ Der
Zeuge Giorgos Karabelias charakterisiert den Fall als sozialen und
politischen und erklärt, er müsse auch als solcher behandelt werden.
Die global vorherrschenden Bedingungen beschreibend, kommt er zu
der Einschätzung, dass daraus ein neuer Zyklus der bewaffneten Gewalt
und des Terrors hervorgehen werde. Mit der 17N sei eine historische
Periode abgeschlossen und die griechische Gesellschaft müsse das
Phänomen des bewaffneten Kampfes möglichst milde und gerecht abschließen.
„Es muss Schluss damit sein, dass diese Menschen als Geiseln missbraucht
werden.“ Bezogen auf Ch. Xiros erklärt der Zeuge, er kenne den Angeklagten
als regen Politaktivisten aus den Jahren nach der Militärjunta.
Ch. Xiros sei sehr bekannt gewesen und einer der Menschen, die 24
Stunden am Tag politisch tätig seien.
Vorläufig letzter Zeuge der
Verteidigung von D. Koufodinas ist der Herausgeber der politischen
Wochenzeitung Kontra, Petros Giotis. Er sei durch drei Dinge bewogen
worden, für Koufodinas auszusagen, erklärt der Zeuge. Zum einen
habe ihn die im Sommer 2002 herrschende Terrorhysterie wütend gemacht.
Zweitens wolle er nicht zulassen, dass die Geschichte der letzten
30 Jahre neu geschrieben werde. Und drittens habe ihn die Tatsache,
dass Koufodinas sich selbst den Behörden gestellt und die politische
Verantwortung für die Organisation übernommen habe, stark bewegt.
Für den Zeugen war dies ein Zeichen für revolutionäres Bewusstsein
und ethische Größe. Giotis bezeichnet die Aktionen der 17N als „Bewaffnete
Propaganda“. Die Organisation und ihre Taten seien klar politisch
und nicht kriminell einzuordnen. Stellvertretend für die viel längeren
Ausführungen des Zeugen sei hier ein Teil der Aussage wörtlich wiedergegeben,
der sich mit den Einschätzungen bereits gehörter Zeugen inhaltlich
weitgehend deckt: Es stellt sich folgende Frage: Was war die 17N,
was waren ihre Charakteristika, die junge, von revolutionären Ideen
erfüllte Menschen wie D. Koufodinas, dazu brachten, mit der 17N
Kontakt zu suchen und sich in ihr zu organisieren? Die 17N war kein
besonderes griechisches politisches Phänomen. Ich würde sagen, sie
war eine griechische Ausgabe des internationalen Phänomens von Organisationen
des bewaffneten revolutionären Kampfs. Was war das grundlegende
Merkmal der Organisation? Sie war eingebunden in das Projekt der
sozialistischen Revolution. Ihre Taktik unterscheidet sie von anderen
Organisationen der revolutionären Linken. Für die 17N ist der bewaffnete
Kampf nicht die höchste Form des Kampfes, er muss aber, um Beispiele
zu geben, jetzt und heute geführt werden. War sie vielleicht eine
Organisation, die Gerechtigkeit schaffte? Dark justice, wie es dem
des Englischen mächtigen Herrn Margaritis (Vors. Richter in der
1. Instanz; d. Verf.) zu sagen gefiel? Ein kategorisches Nein. Allerdings
haben viele Leute das so aufgefaßt, weil sich in der Politik die
Dinge nicht immer nach unseren Vorstellungen, sondern außerhalb
unserer Absichten entwickeln.
Als die 17N einen CIA-Agenten
erschoß, einen Folterknecht der Junta, einen Funktionär des politischen
Personals der herrschenden Klasse, einen kapitalistischen Halsabschneider,
da haben viele das als Herstellung von Gerechtigkeit begriffen.
"Gut gemacht", hieß es. Und heute, mit den ständig auffliegenden
Skandalen, sind es gar nicht wenige, die meinen: "Warum soll es
keine 17N geben, die ein paar umlegt?" Da ist nichts zu verbergen;
wir kommen alle herum, wir unterhalten uns alle, wir hören alle
zu. Die Leute glauben – leider – an heilsbringerische Ideen. Ihnen
gefällt die Logik der "Beauftragung" und daher war es unausweichlich,
daß ein Teil von ihnen die kämpferischen Aktionen der 17 N so auffaßte.
Angesprochen auf den Wert des menschlichen Lebens erklärt Giotis,
dieser sei kein Selbstwert. Überdies meinten diejenigen, die vom
Wert des menschlichen Lebens an sich sprächen, in der Regel nur
das von Menschen ihrer eigenen Klasse. Der Zeuge stellt die Frage,
ob das Leben eines CIA-Agenten wie Welch mehr Wert habe als das
der tausende durch die CIA ermordeten Menschen. Hinsichtlich der
Gewalt erinnert Giotis die Richter daran, dass ihr eigener Stand
einem gewalttätigen Systemumsturz entsprungen sei, der Französischen
Revolution. Engels zitierend verweist er darauf, dass die Gewalt
nicht immer eine schlechte, sondern auch eine fortschrittliche Rolle
in der Geschichte spiele. Hinsichtlich der der Organisation angelasteten
Raubüberfälle erklärt der Zeuge, der eigentliche Räuber sei der
Kapitalismus, und damit meine er nicht etwa die illegalen Aktivitäten
von Kapitalisten, sondern die völlig legale Ausbeutung, den Raub
des Mehrwertes, die unbezahlte Arbeit der Arbeiter. „Was ist ein
Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, fragt der
Zeuge mit dem berühmten Zitat aus der Dreigroschenoper von Brecht.
Abschließend sei hier noch die Antwort des Zeugen auf die Frage
von Ch. Xiros angeführt, der wissen wollte, warum Giotis als Mitglied
einer Organisation, die den bewaffneten Kampf ablehnt, Mitglieder
einer Organisation des bewaffneten Kampfes verteidigt. "Kommunisten
unterstützen immer die Entschlüsse ihrer Bewegung", antwortet der
Zeuge. Die Unterschiede zwischen den revolutionären Organisationen
seien Unterschiede im gleichen Lager, mit dem Klassenfeind auf der
anderen Seite.
139. Verhandlungstag, Mittwoch,
13. September 2006
Die heutige Verhandlung beginnt
mit der Vernehmung von Zeugen der Verteidigung von Nikos Papanastasiou.
Die insgesamt neun Zeugen aus dem familiären und beruflichen Umfeld
beschreiben den Angeklagten in seiner Jugendzeit als einen der vielen
Jugendlichen, die sich an den Universitätsaufständen am Politechnikum
und der Juristischen Hochschule in Athen beteiligt haben. Anfang
1974 sei Papanastasiou nach Deutschland ins Exil gegangen und erst
1976 wieder nach Griechenland zurückgekehrt. Mitte der 90er Jahre
habe der Angeklagte mit seiner zweiten Frau zusammen ein eigenes
Geschäft aufgemacht. Die Arbeit habe ihn vollständig in Anspruch
genommen. Die Zeugen beschreiben Papanastasiou übereinstimmend als
ruhigen, zurückhaltenden Menschen mit sozialdemokratischen Einstellungen,
aber ohne besonderes Interesse für Politik. Mittelpunkt seines Interesses
sei immer seine Arbeit gewesen. Der Angeklagte habe „die Integration
in das System und nicht die Revolution angestrebt“, so der Rechtsanwalt
Sp. Fytrakis. Die Staatsanwaltschaft stellt einerseits die Glaubwürdigkeit
der Zeugen in Frage und versucht andererseits mit Fangfragen, eine
Verbindung des Angeklagten mit der 17N herzustellen. So fragt die
Staatsanwältin beispielsweise, wie Papanastasiou 1985 „aus dem Nichts
heraus“ eine eigene Firma habe gründen können, unterstellend, er
habe Geld von der 17N erhalten. Der angesprochene Zeuge erklärt,
Papanastasiou habe schon in den Jahren vor der Firmengründung in
der gleichen Branche hart gearbeitet und die Firma mit staatlichen
Investitionshilfen und Darlehen aufgebaut. Die über fünf Jahre hinweg
getätigten Investitionen in die Firma betrugen insgesamt 10 Millionen
Drachmen, das entspricht 30.000 Euro....
Die unverschämteste Frage
stellte die Staatsanwaltschaft der Cousine von Nikos Papanastasiou.,
Sie wollte wissen, ob Anestis Papanastasiou, ebenfalls ihr Cousin,
die Wahrheit sage. Die Frau hatte keine Probleme mit der Antwort,
daß einiges, was der in erster Instanz freigesprochene Anestis gesagt
habe, nicht wahr sei; sie führte das auf seine Angst zurück. Der
Verteidiger P. Roumeliotis erinnerte daran, daß der Staatsanwalt
in erster Instanz so weit gegangen war, die Ehefrau von Anestis
Papanastasiou direkt zu erpressen, indem er sie fragte: "Wen möchten
sie bestraft sehen, Ihren Ehemann oder Ihren Cousin?" Anestis ließ
sich damals erpressen, Verdachtsmomente hinsichtlich seines Cousins
Nikos stehen zu lassen. Geradeheraus wurde verlangt: "Damit Du 'sauber'
bleibst, musst Du aussagen, daß nur Nikos Dir den (angeblich, d.
Verf.) im Versteck der 17N gefundenen Lageplan der Kaserne entwenden
konnte." Anestis ließ sich erpressen und sagte wie gefordert aus.
Seine Aussage wird dann, in Abwesenheit von Anestis, zur Begründung
in zweiter Instanz herangezogen. Und das nennt man dann "unbestechliche
Justiz"!
Nach der Pause geht es weiter
mit Zeugen der Verteidigung für Iraklis Kostaris. Auch hier zweifelt
die Staatsanwältin die Aussagen der Verwandten und aus dem gleichen
Dorf stammenden Bekannten an. „Das gleiche haben die Verwandten
von Koufodinas auch gesagt“, ist eine typische Bemerkung auf Zeugenaussagen,
die den Angeklagten als ehrenhaften Bürger beschreiben. Ernstzunehmender
ist jedoch der Versuch der Staatsanwaltschaft, Kostaris erneut die
Mitgliedschaft in der 17N unter dem Decknamen „Haris“ unterzuschieben.
Angeblich habe sich ein Mitangeklagter im Verhör entsprechend geäußert.
Nicht nur, dass die meisten der Angeklagten ihre Aussagen in der
Verhören mit der Begründung, sie seien unter Zwang zustande gekommen,
längst zurückgenommen haben. (Die Entscheidung des Gerichtes, ob
die Aussagen dennoch gewertet werden, steht noch aus.) Kostaris
will auch zum wiederholten Male von der Staatsanwältin wissen, wo
und von wem diese Aussage, die seines Wissens nach gar nicht existiert,
gemacht wurde. Auf Fragen der Verteidigung antwortend kann die Schwester
von Kostaris erläutern, dass von den ehemals 22 Punkten, die ihrem
Bruder zur Last gelegt wurden, im Laufe des Verfahrens in erster
Instanz nur 5 Anklagen übrig geblieben sind. Aufgrund dieser Entwicklung
seien alle seine Freunde im Dorf davon überzeugt, dass Kostaris
Opfer einer Verschwörung sei. Besonders die Tatsache, dass Kostaris
für den Anschlag auf die Polizeiwache in Vyronas verurteilt worden
sei, wo er sich doch zum Zeitpunkt des Anschlages im Dorf aufgehalten
hätte, habe alle überzeugt. (Kostaris war trotz Alibi für den Überfall
verurteilt worden, weil das Gericht den Alibizeugen keinen Glauben
geschenkt hatte.) Iraklis sei für 5 Anschläge der Organisation schuldig
gesprochen worden, weil er für die Zeitpunkte dieser 5 Aktionen
kein Alibi nachweisen konnte, während er für alle anderen ihm zur
Last gelegten Anschläge ein Alibi habe nachweisen können. Andere
Zeugen, die mit dem Angeklagten bis kurz vor seiner Verhaftung zusammengewesen
waren, berichten, Kostaris hätte sich nicht im mindesten beunruhigt
gezeigt, als er aus den Medien von den Verhaftungen mutmaßlicher
Mitglieder der 17N erfahren habe. Der damals auf Urlaubsreise befindliche
Kostaris habe vielmehr ohne jede Verhaltensänderung seinen Urlaub
fortgesetzt. Am letzten Abend vor seiner Verhaftung habe Kostaris
bis tief in die Nacht hinein mit ihm Tavli (Backgammon) gespielt,
gibt der Wirt des Dorfgasthauses zu Protokoll. Auch der Freund und
Trauzeuge von Kostaris ist von der Unschuld des Angeklagten überzeugt:
„Wenn mir die Jungs aus dem Dorf sagen, dass Iraklis bei ihnen war,
als der Überall auf die Polizeiwache in Vyronas ausgeführt wurde,
und sich darüber beschweren, dass er verurteilt wurde, wie soll
ich dann daran glauben, dass er schuldig ist? Wenn seine Freundin
zu mir kommt und erzählt, sie hätte Iraklis an jenem Morgen, als
Pavlos Bakojiannis ermordet wurde, kurz nach der Radionachricht
über den Anschlag im Büro angerufen und ihn auch dort erreicht,
dann glaube ich ihr. Und ich frage mich: Wie kann es sein, dass
eine Organisation, die derartige Taten ausführt, sich einen jungen
Menschen nimmt, ihn zum Vollstrecker von Exekutionen macht und dieser
später nicht mehr auftaucht, bei keiner anderen Aktion?“
140. Verhandlungstag, Donnerstag,
14. September 2006
Die heutige Verhandlung beginnt
mit der Vernehmung von Entlastungszeugen für Pavlos Serifis. Verwandte
und Arbeitskollegen beschreiben den Angeklagten als ruhigen und
altruistischen Menschen, mit einer großen Abneigung gegen jede Form
von Gewalt. Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich wieder darauf,
Zeugen anzuzweifeln, die den Angeklagten durch ein Alibi entlasten.
So will die Staatsanwältin z. B. nicht glauben, dass sich der Onkel
von P. Serifis richtig erinnert, wenn er aussagt, dass der Angeklagte
von Oktober 72 bis Mitte 76 bei ihm in Deutschland gewohnt hatte.
Kein Wunder, braucht man ihn doch schon 1975 in Athen, weil er dort
angeblich am Anschlag gegen den CIA-Offizier R. Welch teilgenommen
haben soll... Auch die Aussagen der Zeugen zum eher ärmlichen Lebenswandel
des Angeklagten werden angezweifelt, da sie im Gegensatz zur Anklage
stehen, die P. Serifis vorwirft, Geld von der 17N bekommen zu haben.
Danach ist Giannis Felekis als Zeuge der Verteidigung für Ch. Xiros
an der Reihe. Der alte Politaktivist (Trotzkist) kennt den Angeklagten
aus gemeinsamen sozialen Kämpfen als überall in der Szene bekannten
regen Aktivisten des stalinistisch-maoistischen Spektrums. Ch. Xiros
sei der Polizei aus zahlreichen Festnahmen bei Demonstrationen dermaßen
bekannt gewesen, dass ihn die 17N schon aus Sicherheitsgründen keinesfalls
als Mitglied hätte akzeptieren können. Als nächstes sagen ein Arbeitskollege
und die Chefin von K. Karatsolis aus. Er wird als Mitglied der 17N
geführt, weil sich auf metallenen Druckvorlagen, die in einer konspirativen
Wohnung der Organisation gefunden wurden, seine Fingerabdrücke befinden.
Aus der Druckerei, in der Karatsolis arbeitete, waren solche metallenen
Platten entwendet worden, die Eigentümerin hatte den Diebstahl damals
der Polizei gemeldet. Warum die 17N auf dem Markt erhältliche Druckplatten
ausgerechnet in der Werkstatt eines ihrer Mitglieder hätte stehlen
sollen, bleibt Geheimnis der Anklage...
141. Verhandlungstag, Freitag,
15. September 2006
Die Verhandlung beginnt mit
der Vernehmung weiterer Zeugen für K. Karatsolis. Verwandte des
Angeklagten beschreiben ihn als eher unpolitischen Menschen, der
immer hart für sein ökonomisches Auskommen habe kämpfen müssen,
aber trotzdem ein lebensfreudiger Kerl sei. Die Staatsanwaltschaft
versucht, die Zeugen mit Fangfragen zur Stützung ihres Szenarios
zu bringen, nach dem Karatsolis wegen Geldproblemen an Raubüberfällen
der 17N teilgenommen habe – eine Teilnahme an Anschlägen wird Karatsolis
ohnehin nicht zu Last gelegt. Nächster Zeuge ist der Besitzer eines
Maklerbüros, bei dem Karatsolis gearbeitet hatte. Er bestätigt das
Alibi des Angeklagten für den Zeitpunkt des Überfalls auf ein Büro
der griechischen Telefongesellschaft OTE. Ein weiteres Alibi, diesmal
für den Zeitpunkt des Waffenraubs im Militärcamp Sykourios, liefert
der Zeuge S. Dimopoulos, der zum Zeitpunkt des Überfalls zusammen
mit dem Angeklagten auf der Fähre von Igoumenitsa nach Korfu gewesen
war. In Folge sind die Zeugen der Verteidigung von Ch. Xiros an
der Reihe. Verschiedene Zeugen beschreiben den „Riesen mit dem guten
Herzen“ als einen der bekanntesten Aktivisten des außerparlamentarischen
linken Spektrums in Griechenland. Ch. Xiros sei immer in der ersten
Reihe der Demonstranten zu finden gewesen. Die Zeugen berichten
von unzähligen handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Polizei
und Demonstranten in jenen Jahren, mit Ch. Xiros immer mittendrin.
Oft genug sei er dabei festgenommen worden. Verschiedenen Zeugen
berichten darüber hinaus von offensichtlichen Misshandlungen, die
Ch. Xiros bei diesen Festnahmen durchgemacht hatte. Für die Zeugin
Despina Karamitsou steht fest, dass Ch. Xiros die im polizeilichen
Verhörprotokoll festgehaltenen Aussagen nie gemacht hat. „Weder
ist es die Sprache von Ch. Xiros, noch kommt darin etwas Politisches
vor. Die Protokolle ähneln vielmehr Presseverlautbarungen der Polizei.
"ich denke, hier müssen dann noch die Kommas raus. und das
hier müßte dann wohl dafür rein Hier habe ich einen Fehler gemacht,
den Du übernommen hast: StA und/oder Gericht haben natürlich nicht
von einem "angeblich" gefundenen Plan gesprochen, sondern von dem
Plan, der gefunden wurde. Insofern hatte Petros Recht, daß er das
nicht in Anführung setzte. Vielleicht können wir das Problem so
lösen, daß wir das "angeblich mit dem Zusatz "d. Verf." Klammern
setzen? viele Anestisse; ware es nicht besser, hier zu sagen: "in
seiner Abwesenh."?
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