74.Verhandlungstag,
Dienstag, 9. Mai 2006
Am Dienstag den 9. Mai beginnt die Verhandlung zum Fall Michalis
Vranopoulos (Ehemaliger Vorsitzender der griechischen Bank, am 24.
Januar 1994 von der 17N erschossen.).
Vor Gericht sagen Tochter und Witwe des Unternehmers aus. Beide
können zur Sache nichts aussagen, sondern nur die Persönlichkeit
von Vranopoulos beschreiben, was von der Witwe als Gelegenheit zur
"Heiligsprechung" des in Korruption verstrickten Bankers benutzt
wird. Der vorsitzende Richter hilft der Zeugin gegen unbequeme Fragen
der Verteidigung, indem er sie selbst beantwortet...
75.Verhandlungstag,
Mittwoch, 10. Mai 2006
Weiter im Fall Vranopoulos. Die Witwe beschwert sich, dass vor
Gericht "die Opfer verurteilt" würden. G. Koutrovik von der Verteidigung
erwidert, es ginge nicht um eine Rechtfertigung der Taten, sondern
um das Aufzeigen der politischen Motive. D. Koufontinas gibt dazu
eine Erklärung ab (erstmalig redet der vorsitzende Richter dazwischen,
ohne Koufontinas jedoch das Wort zu entziehen).
Dabei betont Koufontinas ein weiteres Mal den politischen Charakter
des Prozesses. Im vorliegenden Fall erinnert er an die Verstrickung
von Vranopoulos als Chef der Nationalbank in mehrere Skandale, darunter
vor allem den Skandal AGET Iraklis, eine staatliche Baufirma, die
unter skandalösen Umständen privatisiert wurde. Der Skandal wurde
breit in der Öffentlichkeit thematisiert und nur eine kleine Clique
hoher Regierungsfunktionäre sorgte dafür, dass die Verantwortlichen
nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.
Koufontinas verweist auf die damalige Aussage eines Richters am
obersten Gerichtshof hin, der nicht um sein Leben fürchtete, weil
er "immer seine Pflicht getan habe", als Beweis, dass es einen guten
Grund brauche, um Ziel eines Anschlags der Organisation zu werden.
In seinen Einwürfen argumentiert der vorsitzende Richter durchaus
politisch, beispielsweise wenn er (als Argument gegen einen Anschlag)
anführt, dass man Vranopoulos ja juristisch nichts hätte nachweisen
können.
Bei der Befragung des nächsten Zeugen kommt es zum Tumult. Obwohl
der damalige Chef der Sicherheit der Nationalbank Panagakos nichts
zur Sache aussagen kann, weil der nicht am Tatort war, verhört ihn
die Staatsanwältin zu einer Person, über die er im ersten Prozess
gesprochen hatte. Koufontinas protestiert, weil sich die Staatsanwältin
erneut Kompetenzen anmaßt (diesmal als Untersuchungsrichterin) und
Pavlos Serifis protestiert, weil die Fragen auf ihn hinauslaufen,
obwohl er in erster Instanz von allen diesbezüglichen Vorwürfen
freigesprochen wurde.
Der vorsitzende Richter reagiert mit seinem üblichen Mittel: Pause.
Nach der Pause klärt sich der Fall. Der Zeuge gibt zu, schon vor
seiner offiziellen Ladung zum Untersuchungsrichter zweimal bei der
Polizei ausgesagt zu haben. Dort hat er angegeben, 4 Monate vor
dem Anschlag (!) einen Menschen in der Nähe der Bank gesehen zu
haben, der einem bekannten Ringer ähnelte und in dem er hinterher
Pavlos Serifis erkannt haben will, der aber keinerlei Ähnlichkeit
mit eben jenem bekannten Sportler hatte.
Pavlos Serifis hatte im ersten Prozess zugegeben, einmal an einer
Verfolgung (zum Auskundschaften) von Vranopoulos beteiligt gewesen
zu sein, eine Beteiligung am Anschlag jedoch abgestritten.
Im Schlusswort zur Aussage bezeichnet G. Koutrovik(Rechtsanwältin)
den Zeugen als eindeutig gestellt, weil er ja selbst zugegeben habe,
schon vor der Aussage beim Untersuchungsrichter zweimal bei der
Antiterrorpolizei vorgesprochen zu haben. Außerdem weist sie auf
die zahlreichen Widersprüche der Zeugen zwischen seiner jetzigen
und seiner Aussage im ersten Prozess hin. Als letztes sagt der am
Tatort gewesene Zeuge Tsernoglou aus, der dabei Koufontinas "wiedererkennt".
76.Verhandlungstag,
Donnerstag, 11. Mai 2006
Im Fall BIOHALKO (Raketenangriff der 17N am 8. Dezember 91) werden
lediglich verschiedene Dokumente (Zeitungsartikel, Erklärungen,
niedergeschriebene Zeugenaussagen...) zu Protokoll gegeben.
Dabei wird Ch. Xiros entlastet, weil keine der Täterbeschreibungen
auf ihn passt.
Der einzige "Lange" soll dünn gewesen sein, während Ch. Xiros damals
satte 120 Kilo wog.
Dann geht es weiter mit dem Fall Omer Haduk Sipahioglou (der damalige
höchste türkische Diplomat wurde am 4. Juli 1994 als Vergeltung
für einen Mord durch den türkischen Geheimdienst von der 17N erschossen).
Als erster Zeuge sagt ein Kioskbesitzer am Tatort aus. Er will
D. Koufontinas und S. Kondilis als Täter erkannt haben. Die Verteidigung
zweifelt die Wahrhaftigkeit der Aussage in Bezug auf Koufontinas
an, da der Zeuge ihn anhand von Fahndungsbildern erkannt haben will,
die mit dem damaligen tatsächlichen Aussehen von Koufontinas nur
geringe Ähnlichkeit haben.
Kondilis hatte eine Beteiligung am Anschlag bereits zugegeben,
bestreitet aber, geschossen zu haben. Eine schriftliche Aussage
eines weiteren Zeugen stützt die Aussage von Kondilis. Der Kioskbesitzer
dagegen will ihn ganz nah bei dem türkischen Diplomaten gesehen
haben.
77.Verhandlungstag,
Freitag, 12. Mai 2006
Zu Beginn der Verhandlung geht es zurück zum Fall Vranopoulos.
Der beim Anschlag verletzte Fahrer sagt aus, er wäre nur einfacher
Fahrer gewesen, kein Lebwächter. Wie ein "einfacher Fahrer" allerdings
in Besitz einer Waffenlizenz kommt ist eine andere Frage... Außerdem
wurde er angeschossen bei dem Versuch, die Waffe zu gebrauchen.
Ein weiterer Zeuge, damals Schüler, heute Arzt beschreibt den Tathergang.
Er hat den ganzen Vorgang gesehen und ist äußerst vorsichtig mit
einer Schuldzuweisung. Trotz des Druckes des vorsitzenden Richters
will er sich nicht auf Koufontinas als Täter festlegen.
Weiter geht es mit dem Anschlag auf die griechische Fernsehstation
Mega Channel. (15. März 1995: Raketenangriff auf den Fernsehsender
MEGA wegen der "volksfeindlichen Propaganda der Massenmedien")
Damals hätte es "durch ein Wunder" keine Opfer gegeben, konstatieren
Staatsanwaltschaft und Zeugen. Durch Nachfragen der Verteidigung
ergibt sich jedoch ein anderes Bild:
Die 17N hatte über die mit Zeitzünder eingestellten Anschlag durch
Anruf bei der griechischen Tageszeitung Eleftherotypia informiert.
Deren Anruf bei Mega Channel war jedoch von der Telefonistin dort
nicht ernstgenommen worden, ein Sachverhalt, der noch heute bei
Mega diskutiert wird, wie eine Sportredakteurin bei Mega als Zeugin
angab.
Die Staatsanwälting versucht vergeblich, die sachlich aussagende
Zeugin zu demontieren. Der damalige Sicherheitschef bei Mega Channel
kann sich nicht mehr daran erinnern, ob der damalige Rücktritt des
Nachrichtenchefs auf die nicht erfolgte Räumung des Gebäudes zurückzuführen
gewesen sei. Er gibt allerdings an, dass es nicht Praxis der 17N
gewesen sei, "einfachen Menschen" Schaden zuzufügen.
An die Sportredakteurin gewandt, entschuldigt sich Koufontinas
im Namen der Organisation für den durch die Aktion erlittenen Schrecken.
"Bitte übermitteln Sie mein Beileid für den durch die Detonation
erlittenen Schrecken und die Furcht auch Ihren Kollegen. Ich möchte
betonen, dass es niemals, bei keiner Aktion, Absicht der Organisation
war, einfache Menschen in Gefahr zu bringen. Sie hat immer versucht,
alle erdenklichen Mittel zu ergreifen, um so etwas zu verhindern.
Immer wurde rechtzeitig über einen Anruf bei der Eleftherotypia
informiert, die ihrerseits die Betroffenen und die Polizei verständigte.
Im vorliegenden Fall wurde diese Informationskette unterbrochen.
Wie und wo das passierte, darüber können wir nur Mutmaßungen anstellen."
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