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Jungle World 16 - 09. April 2003
Die Gebärmutter aller Prozesse
Im Verfahren gegen die Mitglieder der griechischen
Stadtguerilla 17. November sollen viele Aussagen durch Folter erpresst
worden sein.
von harry ladis ,
thessaloniki
In der
griechischen Presse wird es schon als "Mutter aller Prozesse" bezeichnet.
Das Verfahren gegen die Stadtguerilla-Gruppe 17. November zog hier
große Aufmerksamkeit auf sich. Beinahe alle Medien wurden mit Informationen,
Details und Protokollen überschwemmt.
Doch
in den ersten Tagen des Irakkrieges war darüber kaum etwas zu lesen,
wenngleich künftige Umfragen vermutlich höhere Sympathiewerte für
die Gruppe ergeben könnten. Die Mitglieder des 17. November dürften
sich durch den Irakkrieg in ihrer antiamerikanischen Zielsetzung
bestätigt fühlen; in ähnlichen Situationen haben sie in der Vergangenheit
dem "Volkszorn" Ausdruck verliehen.
Das
Volk bleibt als ständiger Bezugspunkt der Gruppe bestehen. Dimitris
Koufodinas , der sich gern als ihr Sprecher
präsentiert, hatte ein Manifest vor dem Gericht verlesen, in dem
er den Prozess mit dem Verfahren gegen die griechischen Befreiungskämpfer
nach dem Aufstand gegen die Osmanen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
verglich. Auch die Prozesse gegen die KP-Mitglieder in der Nachkriegszeit
sowie gegen das deutsche RAF-Mitglied Rolf Pohle
Ende der siebziger Jahre wurden vom ihm als Vergleich herangezogen.
Die
Aktionen der Gruppe seien durch das "Volksgefühl" legitimiert worden,
so Koufodinas. Dabei bezog er sich auf
Umfragen, denen zufolge die Gruppe immer noch bei etwa drei Prozent
der Bevölkerung und immerhin bei zehn Prozent der Jugendlichen beliebt
ist.
Solche
populistischen Verbindungen gehören ohnehin zu den ideologischen
Fundamenten der Gruppe. Analog zur Arbeitsteilung im kapitalistischen
Produktionsprozess lassen sich auch klar getrennte Rollen im Widerstand
produzieren: Die Fachleute der Militanz handeln, und die Fernsehzuschauer
können sie bewundern und in den Umfragen für sie stimmen.
Sämtliche
Anträge der Verteidigung zu Beginn des Prozesses Ende März wurden
zurückgewiesen. Die Live-Übertragung des Verfahrens wurde abgelehnt,
die Zuständigkeit des Gerichts wurde nicht bestritten, und die Nichtigkeit
des Vorverfahrens wegen Anwendung der
Folter wurde nicht anerkannt. Die Richter wiesen einstimmig alle
Einwände ab, wie es der Staatsanwalt Evangelos
Markis zuvor gefordert hatte.
Markis ist eine berüchtigte Figur. Als Vorsitzender des Staatsanwältevereins hatte er vor zwei Jahren den Vorstand
des Komitees zum Entwurf des Antiterrorgesetzes inne. Während damals
sechs prominente Juristen wegen der vorgesehenen Maßnahmen das Komitee
verließen, profilierte sich Markis als
engagiertester Befürworter der neuen Gesetze.
Viel
Aufmerksamkeit haben indes die Plädoyers der Verteidiger zur Änderung
der Gerichtsbarkeit hervorgerufen. Denn wenn die Straftaten des
17. November als politische Delikte anerkannt worden wären, hätten
sie von einem Schöffengericht beurteilt werden müssen - was sowohl
die Angeklagten als auch ihre Unterstützer erreichen wollten. Das
Gericht folgte jedoch diesem Antrag nicht, da es in Griechenland
bislang noch kein Urteil mit einer eindeutigen Definition eines
politischen Deliktes gegeben hat.
In der
parlamentarischen Linken sorgten vor allem die Ausführungen des
Strafverteidigers Giannis Rachiotis , der
die Praxis des 17. November rechtfertigte, für großes Aufsehen.
"Die Linke in Griechenland hat sich ständig auf Verteidigungsgründe
berufen, während der 17. November die Offensive in der Linken darstellt."
Und er fuhr fort: "Was war der 17. November? Es war der Gejagte,
der sich zum Jäger verwandelte. Diese Gruppe hat die Angst als einen
Parameter des Alltags der herrschenden Klassen eingeführt."
Seine
Worte haben heftige Reaktionen nicht nur auf der Anklägerbank hervorgerufen.
Auch einige seiner Kollegen kritisierten die Rede Rachiotis '
heftig. Vertreter der parlamentarischen Linken beeilten sich ebenfalls,
sich an Distanzierungen zu überbieten ( Jungle
World, 36/02). Der 17. November und die Kommunistische Partei Griechenlands
seien wie Tag und Nacht, erklärte etwa die KP-Parteisekretärin Aleka
Papariga. Für willkürlich hielt die frühere Vorsitzende der
Linken Koalition, Maria Damanaki , "den
Versuch, die Linke als Gebärmutter aller Terroristen darzustellen".
Für die parlamentarische Linke in Griechenland ist es wichtig, klare
Trennlinien zu ziehen und die gemeinsamen Traditionen mit dem 17.
November zu verleugnen, den Leninismus und Stalinismus.
Ein
weiterer Streitpunkt des Verfahrens besteht darin, ob die Behandlung
von Savas Xeros nach seiner Verhaftung
mit Psychopharmaka dazu geführt hat, ein "Sonderverhältnis" zwischen
ihm und den Fahndungsbehörden herzustellen ( Jungle
World, 33/02). Schließlich führten erst seine Aussagen die Polizei
auf die Spur der meisten Angeklagten.
Außer
Zweifel steht mittlerweile, dass seine Grundrechte in der Ermittlungsphase
verletzt worden sind. Seine Aussagen hatte er jedoch später in Anwesenheit
seines Verteidigers bestätigt. Erst nachdem Koufodinas
auftrat und die politische Verantwortung übernommen hatte, zog Xeros seine Aussagen zurück und bevorzugt seitdem einen kämpferischen
Stil.
Seine
zwiespältige Haltung entspricht aber keineswegs der Entschlossenheit,
die man von einem Stadtguerillakämpfer erwarten könnte. Staatsanwalt
Markis ließ sich die Gelegenheit auch nicht nehmen, um ihn
deswegen zu verhöhnen. "Es war nicht Savas
Xeros , der ausgesagt hat. Es war der Priestersohn, der in
seiner Agonie gebeichtet hat, um seine Seele zu säubern."
Die
Verwicklung von bewaffnetem Widerstand und Orthodoxie, sei sie leninistisch
oder christlich, kann manchmal tragikomische
Ergebnisse haben.
Während
immer mehr davon die Rede ist, dass viele Aussagen durch Folter
erpresst worden seien, kam es plötzlich zu der
ersten belastenden Aussagen. Der ebenfalls angeklagte Patroklos
Tselentis hat Christodoulos Xeros , den Bruder von Savas Xeros , des Mordes an dem Großunternehmer Agelopoulos beschuldigt und somit seine früheren Aussagen
bestätigt. Die Kronzeugen haben angefangen zu tanzen. Wenn wir nicht
dazu tanzen können, ist es nicht unsere Revolution, würde Emma Goldman
sagen.
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