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Jungle World 28 - 02. Juli 2003
Dorffest und Stadtguerilla
In Athen geht der Prozess gegen die angebliche Terrorgruppe
17. November weiter. Im Zeugenstand berichten linke Veteranen über
die polizeiliche Praxis der letzten 28 Jahre.
von ralf dreis ,
athen
Athen
Mitte Juni. Das Stadtbild ist geprägt von den Plakaten, die gegen
den EU-Gipfel in Thessaloniki mobilisieren. Kommunistische Partei,
Linksallianz, anarchistische Bewegung - alle wollen es den Herrschenden
zeigen. "Der Weg des Widerstands gegen die Verfassung der Unterdrückung
führt über die Barrikaden von Thessaloniki", verkünden die Anarchisten.
Unterdessen
läuft hinter den dicken Mauern des Gefängnisses Korydallos
der Prozess gegen die 19 mutmaßlichen Mitglieder der Stadtguerillagruppe
17. November. Eigentlich war die Urteilsverkündung für Anfang August
angesetzt, aber daraus dürfte nichts werden. Mehr als 300 Namen
umfasst die Zeugenliste der Verteidigung, und die Vernehmung ist
noch lange nicht abgeschlossen.
Am Eingang
des Gefängnisses heißt es Taschen leeren, eine Schleuse passieren,
sich abtasten lassen. Auf dem Flur stehen rauchende Zuhörer, Angehörige,
Zeugen, Polizeibeamte. Im Verhandlungssaal sind etwa 50 Zuhörer,
davor die fast leeren Stuhlreihen der Presse, dann eine kleine Barriere.
Davor sitzen die Angeklagten, umgeben von Polizeibeamten. Rechts
haben ihre Anwälte Platz genommen, links die der Nebenklage. Ihnen
frontal gegenüber sitzen die Richter und die Staatsanwälte.
Gerade
spricht Epaminondas Skiftoulis , 48 Jahre
alt, Anarchist und einer der üblichen Verdächtigen der achtziger
und neunziger Jahre. "Der 17. November war sehr maßvoll mit seinen
Aktionen. Darum genoss die Gruppe hohes Ansehen, sogar in den Reihen
ihrer Feinde. Hätten sie Anfang der achtziger Jahre ihre Pforten
für junge Leute geöffnet, würden wir hier unter anderen Bedingungen
reden. Nicht dass sie die Revolution gemacht hätten, aber auf jeden
Fall wären die Lebensbedingungen der Arbeiter besser."
Skiftoulis war zu Beginn der neunziger Jahre selbst wegen Mitgliedschaft
im 17. November angeklagt und saß lange in Untersuchungshaft. Ständig
unterbrochen vom Staatsanwalt erläutert er, wie mit illegalen Verhörmethoden
versucht wurde, Falschaussagen von ihm zu erpressen. "Auch hier
ist mehr als die Hälfte der Angeklagten unschuldig", ist er sich
sicher.
Viele
der Angeklagten hatten sich nach ihrer Verhaftung im vergangenen
Sommer durch Aussagen und gegenseitige Belastungen hervorgetan ( Jungle
World, 33/02). Dies änderte sich erst, als sich im Oktober 2002
Dimitris Koufontinas freiwillig stellte. Er übernahm die "politische
Verantwortung" für alle Taten des 17. November und appellierte an
seine Mitgefangenen, "ihre Würde wieder zu erlangen". Daraufhin
zogen einige ihre Aussagen vollständig oder in Teilen zurück und
beschuldigten die Polizei, gefoltert, psychischen Druck ausgeübt
und Psychopharmaka verabreicht zu haben. Andere hingegen halten
ihre Aussagen aufrecht.
Einen
politischen Charakter wollen Richter und Staatsanwälte der Organisation
nicht zubilligen. So erregt sich der Vorsitzende Richter Michalis
Margaritis bei der Vernehmung der Zeugin Maria Georgianni , einer linken Journalistin: "Lassen wir die Ideologie
und auch die Bomben beiseite. Das Volk will wissen, warum die Gruppe
so viele Menschen umgebracht hat." 25 waren
es seit 1975. Die Antwort von Georgianni
lautet: "Die griechische Gesellschaft will ebenfalls wissen, warum
in Griechenland seit Ende der Militärjunta 1974 mehr als 3 500 Arbeiter
auf Baugerüsten und in Fabriken für den Gewinn ihrer Bosse sterben
mussten." Tumult im Gerichtssaal.
Am nächsten
Morgen erscheint Manolis Glezos ,
einst zum Tode verurteilter legendärer Held des griechischen Befreiungskampfes
gegen die deutsche Besatzung sowie gegen die Junta 1967 bis 1974.
Er war es, der nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Athen die Hakenkreuzfahne
von der Akropolis holte und durch die griechische Nationalfahne
ersetzte. Heute gehört der 84jährige der Linksallianz an.
An der
Einlassschleuse verweigert er jede Durchsuchung. Die Polizeibeamten
sind hin und her gerissen zwischen Respekt und Befehl. Der zu Hilfe
gerufene verantwortliche Offizier erklärt, dass Glezos
"natürlich" passieren dürfe. Man kennt sich, plaudert. Glezos
ist als Zeuge des anarchosyndikalistischen Gewerkschafters Giannis
Serifis ( Jungle World, 40/02) geladen,
der sich als einziger Angeklagter auf freiem Fuß befindet. "Dieser
Prozess wird zeigen", erklärt Glezos im
Zeugenstand, "wie es um die rechtsstaatliche Kultur in unserem Land
bestellt ist. Leider sehe ich, dass Giannis Serifis
wegen seiner Ideen verfolgt wird." Der
Vorsitzende Richter drängt zur Eile. "Ja, all das ist bekannt, weiter !"
Am Nachmittag
sagen zwei Bauarbeiter aus Ikaria aus,
wo Christodoulos Xiros lebte. Beide
Zeugen bestätigen, dass er seit zwanzig Jahren das Dorffest am 15.
August mitorganisiert und an diesem Datum nie gefehlt habe. Das
ist vielleicht ein wichtiges Detail. Denn Xiros
hatte zunächst die Mitgliedschaft in der Gruppe und die Beteiligung
an mehreren Anschlägen gestanden. Einer dieser Anschläge wurde am
15. August 1988 in Athen verübt, dem Tag des Dorffestes. Mittlerweile
hat er seine Aussagen widerrufen und bestreitet, jemals dem 17.
November angehört zu haben. Er habe seinem schwer verletzten Bruder
Sabbas Xiros
helfen wollen und auf polizeilichen Druck vorbereitete Protokolle
unterschrieben.
Am nächsten
Tag ist die französische Professorin Katrin Samari
als Zeugin des Angeklagten Theologos Psaradellis
aufgerufen. Der Trotzkist hat zugegeben, sich in den achtziger Jahren
an einem Banküberfall beteiligt zu haben. Mit dem Geld wollte er
ein Buch über die Geschichte der trotzkistischen Bewegung finanzieren.
Er hat niemanden belastet und bestreitet vehement die Mitgliedschaft
in der Gruppe 17. November. Auch die Zeugin Eleni
Barika ist Professorin aus Paris. Sie
hebt Psaradellis ' Aktivitäten gegen die
Obristendiktatur hervor und betont, seine Überzeugungen verböten
es ihm, politische Feinde zu töten.
Ihr
folgt Klearos Smirneos, ein Anarchist
und Lehrer, der 1987 gemeinsam mit anderen als "Topterrorist" des
17. November und der militanten Gruppe Revolutionärer Volkskampf
verhaftet wurde. "Hätte es in den Achtzigern das Terrorgesetz von
heute gegeben, wäre ich jetzt noch im Gefängnis. Auch bei uns wurden
belastende Indizien konstruiert. Auch damals gab es Fingerabdrücke
von Mitangeklagten, was aber nicht als Schuldbeweis ausreichte.
Mit Recht, denn nichts ist einfacher, als Fingerabdrücke von einem
Gegenstand auf einen anderen zu übertragen."
Plötzlich wird das Gebäude von einem lauten Knall erschüttert. Als
klar wird, dass sich nur ein starkes Gewitter entlädt, scherzt der
Richter: "Der 17. November lebt." Alle lachen.
So geht
es weiter. Die Kriminalisierten, Eingeknasteten
und Gefolterten von 28 Jahren parlamentarischer Demokratie in Griechenland
geben sich ein Stelldichein, um über die Methoden der griechischen
Polizei zu berichten. Ob das genügt, die inzwischen größtenteils
revidierten gegenseitigen Beschuldigungen zu entkräften, ist mehr
als fraglich. Serifis und seine Anwälte
gehen davon aus, dass die Urteile schon weitgehend feststehen.
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