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Jungle World 52 - 17. Dezember 2003
Ruhe vor den Spielen
Terroristenprozess in Griechenland
von
ralf dreis , thessaloniki
"Die
Demokratie verübt keine Racheakte. Die unabhängige griechische Justiz
hat mit dem Gefühl der Verantwortung und unbeeinflusst ihre Entscheidung
getroffen !" Der Kommentar des griechischen Justizministers Filipos Petsalnikos zum Urteil im
Prozess gegen die Stadtguerillagruppe 17. November hört sich gut
an. Es kam zu vier Freisprüchen, gegen die die Staatsanwaltschaft
in Berufung gehen will, und 15 Verurteilungen im aufwändigsten Prozess
der jüngeren griechischen Geschichte.
Befriedigung
bei Politikern und Angehörigen der Opfer ist zu spüren und Aufatmen
in der internationalen Presse, dass die "Mörder" nun für immer in
ihren Isolationszellen verschwinden. Und tatsächlich, im Vergleich
mit den deutschen RAF-Prozessen erscheint das Urteil ausgewogen.
Bei näherer Betrachtung freilich hat diese Einschätzung keinen Bestand.
Die erkämpften Freisprüche sind vor allem der offensichtlich konstruierten
Anklage und den bekannten kämpferischen Lebensläufen der Aktivisten
geschuldet. Andere Angeklagte hatten jedoch nie die Chance auf einen
fairen Prozess.
Das
nach dem neuen so genannten Antiterrorgesetz extra für diesen Prozess
zusammengestellte dreiköpfige Gericht hat alle politischen Vorgaben
erfüllt: den Beweis für das Funktionieren des griechischen Staatsapparats
sowie die Zerschlagung des nationalen Terrorismus noch vor den Olympischen
Sommerspielen 2004. Dass dies auf Kosten verbriefter Bürgerrechte
geschah, stört nur wenige.
Dem
von der Staatsanwaltschaft zum Kopf der Organisation erklärten Alexandros
Giotopoulos , der selbst jegliche Beteiligung
bestreitet, wurden alle 963 seit 1975 verübten Straftaten angelastet.
Das Gericht ging von einem streng hierarchischen Aufbau der Organisation
aus, obwohl alle bekennenden Mitglieder der Gruppe von "kollektiven
Entscheidungen" und einem "Vetorecht" jedes Einzelnen sprachen.
Die Verurteilung von Giotopoulos einzig auf Grund von Aussagen zweier Kronzeugen
widerspricht zwar der griechischen Gesetzgebung, die eine Verurteilung,
die nur auf Aussagen von anderen Angeklagten basiert, verbietet,
ist aber nötig, um zumindest einen der angeblichen Gründungskader
zu verurteilen.
Auch
der Umstand, dass Sabbas Xiros
alle seiner früheren Aussagen widerrief und sie auf Folter und die
Verabreichung von Psychopharmaka zurückführte, interessierte das
Gericht nicht. Ihm war im Sommer 2001 ein Sprengsatz in der Hand
explodiert. Schwer verletzt befand er sich über einen Monat, isoliert
von der Außenwelt, im Gewahrsam von griechischen und englischen
Verhörspezialisten. Seine Krankenakte wird unter Verschluss gehalten.
Ob diese
Fakten ausreichen, um Griechenland zur "US-Kolonie" zu erklären,
wie es Giotopoulos nach der Urteilsverkündung tat, darf bei dem in
Griechenland herrschenden Antiamerikanismus getrost bezweifelt werden.
Die "Auslieferung der Verurteilten" an die USA schloss Justizminister
Petzalnikos zumindest "nach geltender Rechtslage" aus.
Ruhe
bis zu den Olympischen Spielen bedeutet das freilich nicht. Abgesehen
davon, dass der patriotische 17. November nie Angriffe auf die "nationale
Herausforderung Olympia 2004" durchgeführt hätte, wird es auch nach
dem Urteil öfter krachen. So verübte bereits eine neue Hobbyguerilla
Anfang Dezember Brandanschläge auf zwei Büros der regierenden Pasok-Partei ,
einen Supermarkt und eine Postfiliale in Thessaloniki. Die "Zelle
Revolutionäre Gewalt" erklärte ihre Solidarität mit den Verurteilten
und betonte, dass auch "die Sondergerichte des Staates und der Demokratie
den andauernden gesellschaftlichen Krieg nicht beenden" werden.
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