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taz , 08.07.2002
Ein Ikonenmaler
als Topterrorist
Die
griechische Polizei findet Waffenlager und Dokumente der Gruppe
"17. November", nachdem eines ihrer Mitglieder beim Bombenbasteln
verletzt wurde. Seit 1975 hat sie angeblich 23 Menschen ermordet
und Dutzende weitere Anschläge verübt.
von Niels Kadritzke
Griechenlands Topterrorist verdiente sein Geld mit Ikonenmalen.
Der 40-jährige Savas Xiros , der sich vor neun Tagen beim Basteln
einer Bombe schwer verletzt hat, ist das erste Mitglied der "Revolutionären
Organisation 17. November", das der griechischen Polizei in
die Hände gefallen ist. Xiros liegt schwer verletzt im Krankenhaus
und konnte noch nicht vernommen werden. Doch der Revolver, den man
neben ihm in seiner Wohnung in Piräus fand, ist identisch mit
der Waffe, die von der "RO 17. November" 1984 bei einem
Banküberfall und 1989 sowie 1997 bei Mordanschlägen benutzt
wurde.
Am Samstag wurden im Athener Zentrum zwei klandestine Wohnung aufgespürt,
die ein Waffenlager und ganze Kisten von Dokumenten beherbergen,
von revolutionären Emblemen und "17. November"-Stempeln
bis zu vollständigen Diskussionsprotokollen. Damit hat die
Polizei eher zufällig einen roten Faden in die Hand bekommen,
der es ihr erlauben wird, den mysteriösen Fall "RO 17.
November" zügig aufzurollen.
Die terroristische Gruppe ist seit 1975 aktiv und hat der griechischen
Polizei und der internationalen Öffentlichkeit über 27
Jahre lang Rätsel aufgegeben (siehe Kasten). Spätestens
seit Stephen Saunders, britischer Militärattaché in Athen,
am 8. Juni 2000 auf offener Straße von zwei vermummten Motorradfahrern
erschossen wurde, hat die Zerschlagung der Organisation für
die griechische Regierung höchste Priorität. US-amerikanische
Geheimdienstkreise drohen seit langem, die Athener Olympischen Spiele
im Jahr 2004 zu boykottieren, sollte der "17. November"
nicht bis Sommer 2003 zerschlagen sein.
Seit dem Fall Saunders arbeitet die griechische Polizei noch enger
mit dem US-amerikanischen FBI und dem britischen Scotland Yard zusammen.
Doch die seitdem zirkulierenden Gerüchte, im Kampf gegen den
innergriechischen Terrorismus stehe ein Durchbruch unmittelbar bevor,
haben sich immer wieder als verfrüht erwiesen.
Der jetzt erfolgte Durchbruch ist offenbar dem Zufall und dem handwerklichen
Fehler von Xiros zu verdanken. Ministerpräsident Simitis ließ
zwar verlauten, man habe die Gruppe durch "harte systematische
Arbeit" unter Druck gesetzt. Aber die aus Polizeikreisen lancierte
These, dies habe die Terroristen zu Fehlern "gezwungen",
ist vorerst bloße Behauptung. Und schon jetzt ist klar, dass
für die Lösung des Rätsels "17. November"
der archivbesessene Furor der Stadtguerillas viel entscheidender
sein wird als 25 Jahre polizeilicher Ermittlungstätigkeit.
Für die Athener Regierung geht gleichwohl eine lange Leidenszeit
zu Ende. Ausländische Kritiker hatten häufig behauptet,
die griechischen Behörden seien gar nicht daran interessiert,
die Gruppe "17. November" zu zerschlagen: Führende
Mitglieder der heutigen Regierungspartei Pasok hätten Angst,
dass Verbindungen zwischen ihrer früheren Widerstandstätigkeit
und den Stadtguerilleros aufgedeckt würden. Heute weist vieles
darauf hin, dass der "17. November" ein isolierter terroristischer
Zirkel war. Und der "prominente Kopf", der als heimliches
Haupt der Gruppe seit Jahren durch die Zeitungen geistert, vielleicht
nur ein verwirrter Ikonenmaler.
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