Jungle World: 14. Juni 2000
Patriotische
Anschläge
Nach
dem Attentat der griechischen Stadtguerilla 17. November vermuten
die USA Unterstützer im Staatsapparat. von harry ladis, thessaloniki
Die
griechische Untergrund-Organisation 17. November hat wieder zugeschlagen.
Am vergangenen Donnerstag erschossen zwei Motorradfahrer in Athen
den britischen Militärattaché Stephen Saunders in seinem Auto -
das 22. Opfer der Gruppe. Der 52jährige wurde mit der gleichen 45er
Pistole ermordet, die die Gruppe nach Angaben der Polizei in den
letzten zwanzig Jahren schon für sechs Attentate benutzt hat. In
der Erklärung, die an die Tageszeitung Eleftherotypia geschickt
wurde, steht als Begründung: "Wir haben beschlossen, ihn hinzurichten,
denn er hat sich an der Planung der barbarischen Bombardierungen
von Jugoslawien beteiligt und ist insofern einer der Hauptverantwortlichen
des naziartigen Verbrechens vom vergangenen Jahr, der Ermordung
von Tausenden von Zivilisten, der Zerstörung der Wirtschaft und
der Infrastruktur dieses Landes." Die Politik der britischen Regierung
habe "sogar die Dreistigkeit und den Zynismus der Amerikaner übertroffen".
Seit
einem Vierteljahrhundert existiert der 17. November, und trotzdem
ist die Polizei bislang keinem seiner Mitglieder auf die Spur gekommen.
Seinen Namen verdankt er dem Studenten- und Volksaufstand vom 17.
November 1973, als die Polytechnische Hochschule im Athener Zentrum
besetzt wurde, um Widerstand gegen die Militärjunta zu leisten.
Die Besetzung endete zwar mit einem Militäreinsatz, der 34 Tote
zur Folge hatte, trug aber wesentlich zum Sturz der Junta acht Monate
später bei.
Im Dezember
1975 beging der 17. November sein erstes Attentat gegen den damaligen
Chef der CIA in Griechenland, Richard Welch. Im folgenden Jahr wurde
Evangelos Mallios, ein verhasster Folterer der Militärjunta, erschossen.
Die ersten Anschläge fanden noch eine gewisse Akzeptanz in der griechischen
Bevölkerung, die sieben Jahre lang unter der Diktatur und der US-Einmischung
gelitten hatte.
Doch
anschließend führte die Organisation eine Serie von blutigen Anschlägen
durch, die jeglicher Begründung entbehrten. Die Opfer waren fast
immer US-amerikanische, griechische und türkische Militäroffiziere,
Staatsanwälte, Politiker, Diplomaten und Geschäftsleute - alles
Personen, die wegen ihrer eher unbedeutenden Funktion kaum als Symbole
von staatlicher Unterdrückung oder militaristischer Dominanz dienen
konnten. Beispielsweise wurde 1989 der Abgeordnete der christ-demokratischen
Partei Nea Dimokratia, Pavlos Bakogiannis, "hingerichtet". Der konservative
Politiker setzte sich damals für eine Annäherung der Linken zur
Bildung einer Regierungskoalition ein. Zwei Jahre später folgte
ein schwarzer US-Feldwebel namens Ronald Stewart.
Der
17. November propagiert heute eine Ideologie, die die nationale
Unabhängigkeit in den Mittelpunkt stellt und gegenüber der griechischen
Regierung eine Art "solidarische Kritik" übt. So wird die Beteiligung
der griechischen Regierung am Kosovo-Krieg in ihrer Erklärung vor
allem wegen der daraus resultierenden Schwächung der griechischen
Interessen im Streit mit der Türkei kritisiert. In einem umgangssprachlichen
Stil wird der Regierung geraten: "Wenn du dich morgen dem Türken
gegenüber auf das Internationale Recht (...) berufst, dann wird
er sich kaputtlachen und fragen: Mein Lieber, was hast du denn in
Bosnien getan (...) ?"
So präsentiert
sich das Bekennerschreiben des 17. November als eine Mischung aus
linkem Nationalismus, Verschwörungstheorien und willkürlichen historischen
Analogien - etwa, wenn der Krieg im Kosovo mit der Annexion des
so genannten Sudetenlandes durch die Nazis verglichen wird.
Solche
patriotischen Erklärungen nähren Spekulationen, dass die Organisation
bereits Ende der achtziger Jahre aufgelöst und anschließend von
Nationalisten neu gegründet oder von Geheimdiensten unterwandert
worden sei. Dies könnte zumindest erklären, wieso die Sicherheitsbehörden
in den vergangenen 25 Jahren keinen Fahndundungserfolg erzielen
konnten.
Gleichzeitig
haben die Aktionen des 17. November dazu beigetragen, die staatliche
Repression zu verschärfen und die verstärkte Einmischung der US-Geheimdienste
zu rechtfertigen. Das beste Beispiel war das so genannte Terrorgesetz,
das 1991 von der damaligen Regierung von Nea Dimokratia durchgesetzt
wurde und viele Grundrechte einschränkte. Das Gesetz wurde wegen
des Widerstandes der gesamten Linken zwar wieder abgeschafft. Nun,
nach dem Anschlag auf Saunders, fordert die Nea Dimokratia wieder
die Verschärfung der Anti-Terror-Maßnahmen.
Druck
kommt nun auch von den Nato-Partnern. In der Wochenzeitung To Pontiki
wurde vergangene Woche ein Interview mit dem Ex-CIA-Chef von 1993
bis 1994, James R. Woolsey, veröffentlicht, in dem er behauptet,
"einige Personen in der griechischen Regierung kennen bestimmte
Mitglieder des 17. November. Getan wurde nichts." Die griechische Regierung wies diese "unfassbaren" Äußerungen
zurück. Fast zeitgleich veröffentlichte der US-Kongress seinen neuen
Terrorismus-Report. Darin wird der Clinton-Regierung empfohlen,
Griechenland zusammen mit Pakistan als Länder zu bezeichnen, die
"nicht vollständig" gegen den Terrorismus "kooperieren". Begründung:
"Seit 1975 haben in Griechenland 146 terroristische Angriffe gegen
amerikanische Interessen stattgefunden. Nur ein Fall wurde gelöst,
und es gibt kein Anzeichen für eine sinnvolle Untersuchung der verbleibenden
Fälle."
Bereits
im vergangenen Herbst hatten die USA der griechischen Regierung
ein Abkommen über "gemeinsame Terrorismusbekämpfung" vorgeschlagen,
was diese als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" zurückwies
(Jungle World, 47/99).
Nach
dem Anschlag auf Saunders verlangt auch Großbritannien eine schnelle
Aufklärung. "Griechische Regierung wird des geheimen Einverständnisses
beschuldigt", schrieb die Times. In einem Kommentar wurde zudem
vielsagend auf mögliche Konsequenzen für den geplanten Euro-Beitritt
Griechenlands und die Olympischen Spiele, die Jahr 2004 in Athen
stattfinden sollen, verwiesen. Scotland Yard hat drei Anti-Terror-Spezialisten
auf Anfrage der griechischen Regierung nach Athen entsandt.
Doch
selbst wenn den Sicherheitsbehörden weiterhin keine Erfolge gegen
den bewaffneten Untergrund gelingen sollten, eine Konsequenz wird
der Anschlag sicherlich haben. Wie die Geschichte des 17. November
zeigt, werden die Anti-Terror-Maßnahmen jederzeit auch bei anderen
"sozialen Konflikten" eingesetzt.
|