|
Öffentliche Sicherheit
Das Magazin des
Innenministeriums Österreich Nr. 5-6/2003 Mai-Juni
TERRORISMUS
Erfolgreicher
Schlag gegen Terror
Eine der gefährlichsten
Terrororganisationen Europas ist zerschlagen. Führende Mitglieder
der Untergrundbewegung "17. November" stehen in Athen
vor Gericht.
Mit
einem Missgeschick begann am 29. Juni 2002 das Ende einer Untergrundbewegung,
die laut US-Verteidigungsministerium zu den gefährlichsten Terrororganisationen
Europas zählte. Im Hafen von Piräus detonierte ein Sprengkörper
in den Händen eines griechischen Ikonenmalers und verletzte ihn
schwer. Spezialisten der Antiterrorabteilung der griechischen Polizei
übernahmen den Fall und überzeugten den Verletzten, den 40-jährigen
Savvas Xiros, eine "Lebensbeichte" abzulegen. Seine Aussagen
und die weiteren Ermittlungen führten zur Zerschlagung der Organisation
"17. November" (17N), die ab 1975 in Griechenland 23 Menschen
ermordet haben soll, darunter Diplomaten, Unternehmer, Verleger
und Politiker. Unter den Toten befinden sich vier US-Bürger. Dutzende
Anschläge mit Bomben und Panzerfäusten werden der Organisation zugeschrieben.
Bei der Durchsuchung mehrerer konspirativer Wohnungen in Athen fanden
die Kriminalisten Waffen, darunter Panzerfäuste, Munition, Propagandamaterial
und Beweismittel.
In
den darauf folgenden Wochen verhaftete die Polizei knapp 20 Verdächtige,
sie gelten als Mitglieder der ersten, zweiten
und dritten Generation der 17N, unter ihnen zwei Brüder von Xiros
Savvas. Ins Netz der Polizei gingen auch jene mutmaßlichen Erpresser,
die griechischen Unternehmer mit dem Versprechen zur Zahlung größerer
Geldbeträge nötigten, sie aus der "Todesliste" der 17N
zu streichen. Die Behörden beantragten inzwischen die Auslieferung
einer Griechin, die in Italien als Mitglied einer revolutionären
anarchischen Gruppe festgenommen worden war.
Am 27. Oktober
2002 verhaftete die Polizei den bekannten linken Gewerkschafter
Yannis Serifis; sein Cousin ist ebenfalls unter den Festgenommenen.
Der 65-jährige Grieche steht aufgrund von Aussagen eines verhafteten
17N-Mitglieds im Verdacht, Gründungsmitglied der Terrororganisation
und am Mord am CIA-Chef Richard Welch 1975 in Athen beteiligt gewesen
zu sein. Gegen die Verhaftung von Serifis demonstrierten Hunderte
Anhänger.
Serifis
lebte während der Militärjunta als Gastarbeiter in Deutschland und
Australien. Während seines Aufenthalts engagierte er sich in der
"Bewegung 20. Oktober", einer, wie Serifis Medien gegenüber
nannte, "antihierarchischen, antidiktatorischen Organisation",
die Arbeiter in Griechenland unterstützte. Zwei Jahre nach dem Sturz
der Junta kehrte er im Jahr 1976 nach Griechenland zurück und baute
in der Niederlassung der deutschen Firma AEG in Athen eine linke
Gewerkschaft auf. Nach den Selbstmorden von RAF-Terroristen im Hochsicherheitsgefängnis
Stuttgart-Stammheim verübte ein Kommando der Organisation ""Revolutionärer
Volkskampf" (ELA) einen Anschlag auf die AEG in Athen. Dabei
wurde Christos Kassimis erschossen; er gehörte der Untergrundbewegung
ELA an und galt auch als 17N-Mitglied. Serifis wurde damals als
Mittäter des Anschlags verdächtigt, saß eineinhalb Jahre in Untersuchungshaft
und wurde freigesprochen. Unter den Festgenommenen befindet sich
Alexandros Giotopoulos mit dem Decknamen "Lambros". Er
wurde 1944 in Paris als Sohn eines bekannten Linksaktivisten und
Freund von Leo Trotzki geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften
in der französischen Hauptstadt, machte aber keinen Abschluss. Er
hielt sich einige Zeit in Kuba auf und kam 1974 nach Athen. Jahrzehnte
lang lebte "Lambros" unter dem falschen Namen "Michalis
Ikonomou" in Athen und auf der Ägäis-Insel Lipsi, wo ihn die
Polizei verhaftete, bevor er sich an Bord eines Tragflügelboots
in die Türkei absetzen konnte. Giotopoulos gilt als "Befehlsgeber"
der Untergrundorganisation.
Die
linksextremistische "Epanastatiki Organossi 17. Novembri"
(Revolutionäre Organisation 17. November) benannte sich nach den
17. November 1973. An diesem Tag ging die Militärregierung mit Panzern
gegen demonstrierende Studenten vor, die das Polytechnikum in Athen
besetzt hatten. Dabei starben 34 Menschen, 800 wurden verletzt.
Beim ersten Anschlag der 17N im Dezember 1975 wurde der CIA-Repräsentant
in Athen, Richard Welch, getötet. "Zielscheiben" der 17N
waren nach ihren Kommuniqués vor allem "Feinde des Volkes"
und "korrupte Politiker". In einem Bekennerschreiben nach
einem Anschlag auf den ehemaligen Minister der regierenden PASOK,
Georges Petsos, Anfang Mai 1989 hieß es, der "korrupte Minister"
wäre "zweite Zielscheibe" nach dem ehemaligen Vizeregierungschef
und Justizminister Agamemnon Koutsogiorgas, der wie Petsos der Annahme
von Bestechungsgeldern verdächtigt worden war. In den Kommuniqués
der 17N wurde auch die US-Militärpräsenz auf Griechenland kritisiert,
die griechische Sozial- und Wirtschaftspolitik und die Annäherung
zwischen Griechenland und der Türkei.
Am 15. Mai 1985
kam es in Athen zu einem Schusswechsel zwischen der Polizei und
zwei mutmaßlichen 17N-Terroristen. Einer von ihnen konnte entkommen,
der andere wurde bei der Schießerei getötet. Der Tote wurde als
Christos Tsoutsouvis identifiziert. Er studierte von 1972 bis 1975
an der Technischen Universität in Graz Verfahrenstechnik und war
Funktionär des "Vereins griechischer Studenten und Akademiker
in Graz", der Nachfolgeorganisation der "Verbindung hellenischer
Studenten und Akademiker in Graz", die wegen politischer Aktionen
behördlich aufgelöst worden war.
Tsoutsouvis
stand in Verdacht, 1985 den Bezirksrichter Georgios Theophanopoulos
ermordet und während einer Geiselnahme in einem Supermarkt zwei
Sicherheitsbeamte erschossen zu haben. In einer konspirativen Wohnung
wurde ein Autoschlüssel entdeckt, der zu jenem Auto gehörte, das
bei dem Mord-anschlag auf den CIA-Mann Richard Welch im Dezember
1975 in Athen benützt worden war. Tsoutsouvis kehrte 1975 nach Griechenland
zurück. Einer seiner Freunde wurde später Minister in der Regierung
Papandreou.
Während
der Militärregierung in Griechenland von 1967 bis 1974 hielten sich
bis zu 2.000 griechische Studenten in Graz auf. In der Murstadt
existierten linksextremistische Studentenorganisationen, wie etwa
die "Arbeitsgemeinschaft griechischer Maschinwesenstudenten",
die gegen die Obristen agitierte und demonstrierte. Unter anderem
wurde versucht, in Graz eine Zweigstelle der "Kampffront für
Griechen im Ausland" (AMEE) aufzubauen. Die AMEE, eine große
Studentenorganisation gegen die Junta, hatte ihre Zentrale in Paris.
Die USA und Großbritannien
hatten in den letzten Jahren auf die griechischen Politiker Druck
ausgeübt. Nach der Ermordung des britischen Militärattaches Stephen
William Saunders im Juni 2000 entsandte Großbritannien Experten
von Scotland Yard und dem britischen Geheimdienst nach Griechenland.
In einem Vorort Athens hatte ein Unbekannter von einem Motorrad
aus mehrere Schüsse aus einer Pistole mit dem Kaliber.45 durch
das Autofenster auf den Militärattache abgegeben, nachdem der Chauffeur
das Auto verkehrsbedingt angehalten hatte. Saunders war einige Stunden
später in einem Krankenhaus erlegen, sein Chauffeur war schwer verletzt
worden. Auch Ermittler des US-Kriminalpolizeiamts FBI unterstützten
die griechischen Fahnder bei den Ermittlungen gegen die Terroristen.
Der
Prozess gegen die Terroristen begann Anfang März 2003 mit der Anhörung
der Festgenommenen. Einige von ihnen dürften bald entlassen werden
- ihre Taten sind verjährt. Die ELA stellte ihre Gewaltaktion 1995
ein, das Antiterrorgesetz in Griechenland trat erst 2001 in Kraft.
Die griechischen Sicherheitsbehörden sind sich sicher, dass die
17N zerschlagen ist und von ihr keine Gefahr mehr ausgeht.
Werner
Sabitzer
GRIECHENLAND
Organisationen
im Untergrund
Neben
der "Revolutionären Organisation 17. November" traten
noch weitere griechische Untergrundorganisationen mit Terroranschlägen
in Erscheinung.
"Revolutionärer
Volkskampf" (ELA). Die linksgerichtete Terrororganisation ELA
war bis Jänner 1995 aktiv und hatte bis zu 200 Mitglieder und Unterstützer.
Christos Kassimis galt als Gründungsmitglied und Anführer. Nach
seinem Tod 1977 dürfte Christos T. die Führung übernommen haben.
In den 80er-Jahren bestanden Kontakte zum ostdeutschen Ministerium
für Staatssicherheit ("Stasi").
Ebenfalls eine
führende Rolle dürfte ein Bauingenieur mit dem Stasi-Decknamen "Philipp"
gehabt haben; er unterhielt auch Kontakte zum Top-Terroristen "Carlos"
und zu dessen Kumpanen Johannes Weinrich, der für die griechischen
Terroristen Sprengstoff besorgt haben soll. "Philipp"
befindet sich derzeit in Untersuchungshaft. Ein Grieche mit dem
Decknamen "George" dürfte der eifrigste Bombenleger der
ELA gewesen sein und ebenfalls mit der Carlos-Gruppe zusammengearbeitet
haben.
Mitglieder der
ELA werden für über 200 Anschläge verantwortlich gemacht, bei denen
ein knappes Dutzend Menschen getötet wurden. Ziele der Attentate
waren Ministerien, Polizeistationen, Banken, multinationale Unternehmen,
die Vertretung der EU und der UNO in Athen, ausländische Einrichtungen
und der griechische Arbeitergewerkschaftsbund. Nach einem Anschlag
auf die Wirtschaftsuniversität in Athen am 24. Jänner 1995 stellte
die ELA ihre Gewaltaktionen ein. Wie die 17N dürfte auch die ELA
zerschlagen worden sein.
"Neuer
revolutionärer Volkskampf" (NELA). Die NELA wird verdächtigt,
im Jahr 2002 drei Anschläge verübt zu haben. Sie erklärt sich solidarisch
mit den Festgenommenen der 17N. Nach Erkenntnissen der griechischen
Sicherheitsbehörden handelt es sich bei dieser anarchischen Organisation
nicht um eine Nachfolgeorganisation der ELA.
Kleinere Gruppen
In Griechenland
gibt bzw. gab es eine Reihe von Kleingruppen, die Anschläge mit
selbstgefertigten Sprengkörpern und Brandsätzen verübten. Sie waren
bzw. sind bei weitem nicht so gefährlich wie die 17N. Unter diesen
Gruppen befindet sich die Organisation "1. Mai". Sie ist
seit 1987 aktiv und entstand aus den "Revolutionären kämpfenden
Linken", einem Teil der ELA. Mitglieder der Organisation "1.
Mai" werden verdächtigt, 1987 einen Anschlag auf einen griechischen
Gewerkschafter verübt sowie einen Richter ermordet zu haben.
Weitere
linksextremistische Kleingruppen sind bzw. waren die "Revolutionäre
Organisation Oktober 80", die Gruppe "Kampf gegen den
Staat", "Revolutionäre Zentren", die seit 1996 aktiv
sind und sich als "Erben" der ELA bezeichnen, sowie die
ELA-nahe Gruppierung "Juni 78" und die Untergrundorganisation
"Sozialer Widerstand - Revolutionäre Organisation Volkszorn",
die erstmals 1987 mit einem Bombenanschlag in Erscheinung getreten
ist und Anschläge gegen Autos westlicher Diplomaten sowie griechischer
Industrieller und Politiker verübt haben soll.
A-1014
Wien, Postfach 100, Herrengasse 7,
Telefon (01) 53126-2307,
Telefax (01) 53126-2701
e-mail: sicherheit@mail.bm
|