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Jungle
World: Nr. 33/2002 - 07. August 2002
Griechenland nach dem Schlag gegen
den 17. November
Keine Träne wert
von ralf dreis
Nun sitzen sie also im Knast, die
Mitglieder der dienstältesten Stadtguerilla Europas. Sie plaudern,
gestehen, bereuen und belasten sich gegenseitig. Politiker, Diplomaten
und Manager in Athen können ruhiger schlafen: Der legendäre 17.
November ist zerschlagen.
"Wurde ja auch Zeit", dürfte man
in Washington gesagt haben. Die USA hatten in den letzten Jahren
den Druck auf Athen erhöht, das Terrorismusproblem zu lösen. Schließlich
richteten sich die meisten Anschläge des 17. November gegen US-Bürger
und -Einrichtungen.
In der griechischen Bevölkerung
gab es einen weitreichenden stillen Konsens darüber, es sei schon
irgendwie okay, US-Interessen anzugreifen. Dieser Antiamerikanismus
reicht von links bis rechts, und bis Mitte der neunziger Jahre fand
er sich auch in der Propaganda der sozialdemokratischen Pasok.
Die EU hatte sich dieser Kritik
angeschlossen und auf eine Umstrukturierung der griechischen Polizei
gedrängt. So sind seit dem Mord an Stephen Saunders offiziell britische
Antiterrorexperten vor Ort, die bei der Fahndung nach den Mitgliedern
des 17. November mitwirken. Beamte des deutschen BGS wiederum helfen
bei der Sicherung der Grenzen gegen Flüchtlinge.
Wegen des anhaltenden Misserfolgs
der Ermittlungsbehörden und der großen Erwartungen kam es in den
neunziger Jahren mehrfach zu spektakulären Prozessen gegen anarchistische
Aktivisten, die ersatzweise zu Top-Terroristen stilisiert wurden.
Jorgos Balafas erhielt im ersten Urteil 15 Jahre Haft, nachdem die
USA gedroht hatten, eine "negative Reiseempfehlung" für die westliche
Ägäis auszusprechen. Allerdings erhielten viele dieser Angeklagten
in den Revisionsprozessen mit der Stimmenmehrheit der Schöffen gegen
die Berufsrichter Freisprüche oder mildere Strafen.
Vor sechs Monaten wurde, nachdem
jahrelang alle Anläufe gescheitert waren, ein Anti-Terror-Gesetez
geschaffen. Darin werden unter anderem die Schöffengerichte durch
Staatsschutzsenate ersetzt. Diese neue Rechtslage, der auch in Griechenland
verschärfte Sicherheitsdiskurs, der Wegfall des so genannten ernsten
Terrorismus, der mit einem Nachlassen der kritischen Öffentlichkeit
einhergeht - all das könnte sich bald für die radikale Opposition
zum ernsten Problem entwickeln.
Vor allem für jene Teile der anarchistischen
Bewegung, die in inhaltlicher Abgrenzung zum 17. November militante
Aktionen durchführen und eher auf den Zuspruch der Bevölkerung hoffen
können. Auch einige Demonstranten gegen den EU-Gipfel in Thessaloniki
im Juli 2003 können sich darauf gefasst machen, als Terroristen
kriminalisiert zu werden.
Der griechische Staat hat sich
für die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft Anfang 2003 und für
die Olympischen Spiele im folgenden Jahr gerüstet. Gerade noch rechtzeitig,
war Athen doch in der Vergangenheit damit gedroht worden, wegen
der terroristischen Bedrohung die Olympiade zu verlegen.
Griechenland will seine schon heute
herausragende Position in der Region als wirtschaftlich starkes
Land und einziges EU-Mitglied weiter ausbauen. Seit dem Antritt
der Pasok-Regierung unter Kostas Simitis wird der Weg zur Regionalmacht
beschritten. Thessaloniki wird zur Balkanmetropole ausgebaut, ein
Ausgleich mit der Türkei wird gesucht und alte Partnerschaften mit
islamischen Ländern werden aufgefrischt. Um sich als regionaler
Machtfaktor zu etablieren, ist Ruhe im eigenen Land nötig.
Der politische Nachruf auf den
17. November aber ist schnell geschrieben. Nicht wegen der erbärmlichen
Vorstellung, die seine verhafteten Mitglieder scheinbar freiwillig
abliefern, sondern wegen seiner Aktionen und seiner Ideologie gilt,
dass eine solche Gruppe, die soziale Befreiung mit dem Morden für
das Vaterland und für "nationale Interessen" verwechselt, in der
radikalen Linken nichts verloren hat. Der 17. November hat es verpasst,
selbst seine Auflösungserklärung zu verfassen. Jetzt wird er von
außen aufgelöst. Schade ist es nicht.
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