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DIE ZEIT 32/2002
Bienenzüchter
erschießen CIA-Agenten
Die
letzten roten Terroristen: Das Ende des 17. November in Griechenland
Michael
Thumann
Welch ein Bluff!
Ganz Griechenland verfolgt ungläubig, wie die politische Terrorgruppe
"17. November" Stück für Stück demaskiert wird. Sie war
die gesichtslose Heldin der siebziger, der Mythos der achtziger,
der Schrecken der neunziger Jahre. Doch niemand wusste, wer sich
hinter den Schüssen und Bomben verbarg. Ein Stoßtrupp intellektueller
Avantgardisten, der die sozialistische Revolution für Griechenland
herbeischoss? Eine international vernetzte Bande besonders ausgekochter
Terroristen? Oder ein Pyromanenregiment des Moskauer KGB, das die
Südostflanke der Nato destabilisieren sollte?
Der
17. November spielte lange Zeit in derselben europäischen Terrorliga
wie die deutsche Rote-Armee-Fraktion und die Roten Brigaden in Italien.
Der politische Links-Terrorismus hielt Europa seit den sechziger
Jahren in Atem. Urahn der roten Bombenwerfer war die russische Terror-Ikone
Wera Sassulitsch, die 1878 auf den Stadthauptmann von St. Petersburg
schoss und danach - von der Menge umjubelt - freigesprochen wurde.
Groß war die Tradition, noch größer die Illusionen, am größten die
Angst der Mächtigen und Reichen. Wer steckt hinter dem 17. November,
der seit 1975 insgesamt 23 Attentate und über 100 Anschläge verübte?
Wie
die griechische Polizei seit Anfang Juli in einer Verhaftungsserie
enthüllt, handelt es sich um eine Art mittelständisches Familienunternehmen.
Zwei griechische Sippen bilden seinen Kern. Ein Terrorpapa ist orthodoxer
Pope und wusste von nichts. Drei seiner zahlreichen Söhne, der eine
Motorradmechaniker, der zweite Instrumentenbauer, der dritte Ikonenmaler,
verwendeten ihr handwerkliches Geschick nach Dienst auf Bombenbasteln
und Schießübungen. Sie und ihre Freunde, darunter ein Bienenzüchter
und ein Musiker, fuhren gestohlene Mopeds mit den landestypisch
abgesägten Auspuffrohren. Von so einem teuflisch knatternden Roller
ermordeten der Instrumentenbauer und der Bienenzüchter vor zwei
Jahren zum Beispiel den britischen Offizier Stephen Saunders - mit
vier Schüssen.
Die
zweite Familie stammt aus der malerischen westgriechischen Region
Thesprotien. Sie waren Gastarbeiter in deutschen Landen, die Kinder,
bei Stuttgart aufgewachsen, machten daheim in Griechenland Karriere.
Der eine Spross war Telefonist im Kinderkrankenhaus und im anderen
Leben Terrorist, sein Vetter kutschierte täglich als Busfahrer Menschen
durch Athen. "Ein wirklich netter Kerl", schwärmt sein
Chef über den freundlichen Bombenleger von nebenan.
Bomben
für die Nation
Doch
wer war der ideologische Kopf der vielseitigen Werktätigen? Andere
Geistesgrößen als einen 63-jährigen Mann mit weißen, halblangen
Haaren konnte die Polizei bislang nicht verhaften. Alexandros Giotopoulos
hatte zu revolutionär bewegten Zeiten, 1968, in Paris eine trotzkistisch-marxistische
Gruppe gegründet. Seither fand er keine Zeit mehr, sein Studium
der Wirtschaftswissenschaften zu Ende zu bringen. Er gilt als Verfasser
der etwas wirren Pamphlete, die der 17. November zur Begründung
seiner Attentate hinterließ. Giotopoulos lebte zuletzt unter falschem
Namen in Athen und auf der griechischen Insel Lipsi, wo er dadurch
auffiel, dass er sein Haus entgegen denkmalpflegerischen Vorschriften
lachsrosa anstreichen ließ. Aber den luziden Entwurf für die hellenische
Diktatur des Proletariats blieb er schuldig, noch nicht mal Grußbotschaften
der RAF und der Roten Brigaden hat er im Familienalbum. Die internationale
Vernetzung beschränkte sich auf Briefe der trotzkistischen Exkommilitonen
aus Paris. Wie konnten der Salonrevolutionär und das Dutzend Kunsthandwerker
so viel Aufsehen erregen?
Den
Mythos machte der Name. Am 17. November 1973 hatten auf Befehl der
damals herrschenden griechischen Junta Panzer und Polizisten das
Athener Polytechnikum gestürmt. Bei dem Angriff kamen 34 der demonstrierenden
Studenten ums Leben, über 800 wurden verletzt. Gut ein Jahr nach
dem Sturz der Junta, im Dezember 1975, bekannte sich die bis dahin
unbekannte Gruppe "17. November" zum Attentat auf den
amerikanischen CIA-Residenten Richard Welch. Das kam an. Die griechische
Linke beschuldigte die Amerikaner, das Obristenregime nach besten
Kräften gestützt zu haben. Seither attackierte der 17. November
westliche Diplomaten und Offiziere in Griechenland und konnte sich
der klammheimlichen Freude des antiamerikanischen Publikums sicher
sein. Die internationalistische Terrortruppe bombte für durchaus
nationale Ziele. Derweil tappte die Polizei jahrzehntelang im Dunkeln.
Die
Wende kam, als der 17. November begann, griechische Unternehmer
und Publizisten zu ermorden. Das antiimperialistische Profil verwischte
zunehmend, die Sympathisantenszene schrumpfte. Neben Überfällen
auf Waffenlager räumten die schießwütigen Marxisten auch die ein
oder andere Bank, sodass der Verdacht aufkam, sie wollten Kapital
primär akkumulieren. Als die griechische Polizei Ende Juni den Popensohn
und Ikonenmaler Savvas Xiros nach einem misslungenen Anschlag auf
Touristen in Piräus festnahm, war die Bühne der Sympathisanten längst
leer.
Die
Griechen und die lange erfolglos ermittelnde CIA staunen nun über
die Banalität der Bombenleger. Ihr Bluff ist enttarnt, Europas letzte
marxistische Terrorarmee zerschlagen. Noch wichtiger: Die Revolution
fällt aus. Stattdessen können nun die Olympischen Spiele 2004 in
Griechenland nach Plan ablaufen.
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