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junge Welt, 17.11.2004
Heike Schrader , Athen
Verbale Verbesserungen
Griechischer Justizminister nach Massenprotesten in den Gefängnissen
zum Handeln gezwungen. "Politische" fordern Aufhebung
von Sonderhaftbedingungen
Die Forderungen der Häftlinge sind auch die meinen."
Mit diesen Worten versprach der griechische Justizminister Anastasis
Papaligouras in einem Interview mit der Tageszeitung Eleftherotypia
am Montag die "Verbesserung der Haftbedingungen" in den
Gefängnissen des Landes. Die Zustände in den völlig
überbelegten griechischen Gefängnissen - auf 5 284 Plätze
in den griechischen Gefängnissen kommen 8 854 Gefangene - waren
der Öffentlichkeit in den letzten Wochen durch die massiven
Proteste und Hungerstreiks von acht politischen sowie etwa 800 anderen
Gefangenen ins Bewußtsein gebracht worden ( jW berichtete).
Dabei traten die sogenannten sozialen Gefangenen vor allem für
die Umsetzung bereits angekündigter Maßnahmen zur Verbesserung
der Haftbedingungen ein. So gibt es nach dem griechischen Gesetz
die Möglichkeit zum sogenannten halboffenen Strafvollzug. Die
Verurteilten könnten so den Tag außerhalb des Gefängnisses
verbringen und beispielsweise ihren Arbeitsplatz und soziale Bindungen
erhalten. Nur die Nacht müßten sie - getrennt von den
anderen Gefangenen - in der Zelle verbringen. Da aber für die
vom Gesetz vorgeschriebene getrennt Unterbringung der Freigänger
kein Platz vorhanden ist, existiert der halboffene Strafvollzug
nur auf dem Papier.
Ähnlich sieht es mit den anderen gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen
aus. Weil beispielsweise die Mittel für Bewährungshelfer
und Betreuer fehlen, wird kaum ein Häftling in das Programm
zur Umwandlung von Haftstrafen in gemeinnützige Arbeit oder
zur Freilassung auf Bewährung eingegliedert. Am schlimmsten
trifft es die wegen Drogendelikten eingesperrten Süchtigen,
immerhin etwa 40 Prozent aller Gefängnisinsassen. Obwohl auch
die griechische Justiz anerkennt, daß die Drogensüchtigen
keine Kriminellen, sondern Kranke sind, werden Drogensüchtige,
die mit geringen Mengen Rauschgift erwischt werden, zu teilweise
mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Dabei gibt es in kaum
einem Gefängnis Einrichtungen und Programme - bis auf wenige
zur körperlichen Entgiftung - für den Drogenentzug. Psychiatrische
Betreuung wird, wenn überhaupt, nur durch sporadische Besuche
von Ärzten der staatlichen Krankenkassen geleistet.
Die politischen Gefangenen dagegen fordern nach wie vor die Aufhebung
der für sie geltenden Sonderhaftbedingungen. Zwar können
die Gefangenen zumindest beim Hofgang inzwischen - nach Öffnung
einer Überdachung - ein Stück Himmel sehen, andere Forderungen
blieben allerdings unerfüllt. So wird ihnen der Zugang zu Gefängnisbibliotheken
ebenso verwehrt wie der Besuch ohne Trennscheiben.
Unterdessen hat sich die Situation des letzten der hungerstreikenden
politischen Gefangenen im Gefängnis von Koridallou dramatisch
verschlechtert. Nach 31 Tagen Nahrungsverweigerung wurde Alexandros
Giotopoulos am Sonntag mit schweren gesundheitlichen Schäden
nach Athen ins staatliche Krankenhaus gebracht. Der im Dezember
vergangenen Jahres zu 21mal lebenslänglich Verurteilte ist
seit dem 16. Oktober im Hungerstreik. Während die anderen politischen
Gefangenen ihre Aktion gegen die Sonderhaftbedingung am 18. Oktober
nach einem Teilerfolg abgebrochen hatten, setzte der als "Kopf"
der Organisation "17N" Bezeichnete seinen Streik fort.
Alexandros Giotopoulos protestiert so nach eigenen Angaben nicht
nur gegen die unmenschlichen Haftbedingungen, sondern auch gegen
seine ungerechtfertigte Verurteilung.
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