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junge welt, 23.02.2006
Streikbruch per
Gesetz
Griechische Regierung
rief Ausnahmezustand aus. Arbeitskämpfe spitzen sich zu. Hafenarbeiter
und Seeleute seit einer Woche im Ausstand
Von Heike Schrader,
Athen
Bereits seit einer
Woche streiken Seeleute und Hafenarbeiter in ganz Griechenland.
Am Dienstag scheiterten die Reedereien mit dem Versuch, ein gerichtliches
Verbot des Arbeitskampfes zu erwirken. Daraufhin beschloß die Regierung
am Mittwoch die »zivile Einberufung« der Seeleute. Obwohl den »Deserteuren«
außerordentliche Kündigung und sogar Gefängnis drohen, sind die
Seeleute entschlossen, den Streik fortzusetzen. Die »Einberufung«
ist Bestandteil eines Gesetzes für Ausnahmesituationen wie Naturkatastrophen.
Juristen halten die Ausrufung des Ausnahmezustandes zur Niederschlagung
eines Arbeitskampfes für verfassungswidrig.
Eintägiger
Generalstreik
Durch die von der
EU eingeforderte und durch die griechische Regierung per Gesetz
umgesetzte Öffnung der griechischen Schiffahrt für ausländische
Unternehmer haben die Seeleute Einbußen bei Arbeitssicherheit, Löhnen
und Renten erlitten. Mit der Privatisierung der Fährschiffahrt entfällt
auch die staatliche Reglementierung bei der Routenvergabe. Nun werden
unrentable Strecken nicht mehr bedient. Dadurch verloren bereits
über 3 000 Seeleute ihren Job, während gleichzeitig besonders im
Winter viele Inseln vom Fährverkehr abgeschnitten bleiben. Die Hafenarbeitergewerkschaft
hatte am Dienstag beschlossen, den Streik für die Rücknahme des
Gesetzes mindestens weitere zwei Tage fortzusetzen.
Den ersten Generalstreik des Jahres wird Griechenland am 15. März
erleben. Das hatte am Dienstag der Vorstand des Gewerkschaftsdachverbandes
in der privaten Wirtschaft, GSEE, festgelegt. Anlaß sind die laufenden
Tarifverhandlungen, in denen die Unternehmerseite bisher lediglich
2,8 Prozent Lohnsteigerung angeboten hat. Bei einer Inflationsrate
von 3,5 Prozent im letzten Jahr werden die Arbeiter also zur Akzeptanz
einer Reallohnsenkung aufgefordert. Aber auch mit den von der GSEE
geforderten 7,5 Prozent würde der Mindestlohn von derzeit 591,18
Euro brutto nur unwesentlich angehoben.
Der kommunistisch orientierten Gewerkschaftsfront PAME ist das bei
weitem nicht genug. Sie fordert 1 300 Euro Mindestlohn und die Einführung
der 35-Stunden- und Fünf-Tage-Woche. Um reale Verbesserungen für
die Arbeitenden durchzusetzen, so die PAME, müßte die reformistische
Gewerkschaftsführung die Gespräche mit Regierung und Unternehmerverband
abbrechen und eine konsequente Arbeitskampfpolitik betreiben. Ihr
Vorschlag, drei ganztägige Generalstreiks am 9., 21. und 22. März
durchzuführen, wurde allerdings von den anderen drei Gewerkschaftsfraktionen
im Dachverband GSEE abgelehnt.
Unterdessen hatten am Dienstag Zehntausende Anhänger der PAME in
54 Städten des Landes demonstriert. »Hände weg von den Tarifverträgen«
und »Keine Kooperation, keine Unterordnung, 1 300 Euro Mindestlohn«,
skandierten die Teilnehmer in Athen. Die im Zentrum Demonstrierenden
zogen vor das Parlament und die Büros der Europäischen Union in
der griechischen Hauptstadt. An beiden Orten wurde ein Protestschreiben
der Gewerkschaftsfront gegen die vergangene Woche in Strasbourg
abgenickte Bolkestein-Richtlinie übergeben.
Entlassungswelle
An vielen Orten
liefen soeben entlassene Arbeiter in den ersten Reihen der Demonstrationszüge.
Europaweit schließt Coca Cola derzeit Werke, obwohl der Konzern
schwarze Zahlen schreibt. Auch in Griechenland vernichtete der Getränkehersteller
im vergangenen Monat 150 Arbeitsplätze. Das gleiche Schicksal erlitten
rund 400 Arbeiter einer Düngemittelfabrik in Thessaloniki. Als die
Entlassenen am vergangenen Donnerstag gegen die Werkschließung protestierten,
wurden sie von Sondereinheiten der Polizei unter Einsatz von Tränengas
vertrieben.
In den laufenden Tarifverhandlungen fordert der Unternehmerverband
SEB »Sonderwirtschaftszonen ohne Tarifbindung« für Regionen mit
hoher Arbeitslosigkeit. Dort sollen auch schon vor der Umsetzung
der Bolkestein-Richtlinie Arbeitsbedingungen und Löhne wie in den
angrenzenden Balkanstaaten gelten. Die traumhafte Renditen einfahrenden
griechischen Banken weigern sich unterdessen, mit der Branchengewerkschaft
OTOE über anstehende Lohnerhöhungen zu verhandeln. Sie wollen Verträge
nur auf Firmenebene aushandeln. Als die OTOE am letzten Freitag
daraufhin den zweiten ganztägigen Streik innerhalb von zehn Tagen
durchführte, ließen die Banker Streikbrechern den Weg durch Sondereinheiten
der griechischen Polizei freiknüppeln. Mehrere Aktivisten der PAME
wurden verletzt.
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