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Europäisches Sozialforum in Athen 2006
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Konkret 10/91,
S. 48
Oliver Tolmein
Die militante griechische
Gruppe "17. November" richtet ihre Aktionen u.a.
auch gegen deutsche Unternehmen, zum Beispiel gegen Löwenbräu und
Siemens. Und ganz normale griechische Journalisten gehen eher ins
Gefängnis, als daß sie auf die Veröffentlichung der Kommandoerklärungen der
Gruppe verzichten
"Heiße Nachrichten
für Bush" vermeldete die "Ta Nea" ein bißchen
schadenfroh, als die militante Gruppe "17. November" anläßlich
des Besuches des US-Präsidenten in Athen einen Anschlag verübte.
Und damit sich die Leserinnen und Leser aus erster Hand über die
Motive der militanten Gruppe, zu diesem Zeitpunkt den türkischen
Generalkonsul zum Ziel eines Attentats zu machen, informieren konnte,
druckte "Ta Nea", wie auch die weitverbreitete
linksliberale " Eleutherotypia " und eine
Reihe anderer Tageszeitungen, die komplette Kommando-Erklärung ab.
In den Wochen zuvor
hatte sich die griechische Öffentlichkeit bereits die Bekennerbriefe
zu Anschlägen des "17. November" auf eine Löwenbräu-Produktionsanlage
und gegen Siemens in den Zeitungen des Landes zu Gemüt führen können:
Die Gruppe, deren Namen sich auf den Beginn des Aufstands der Studentinnen
und Studenten des Athener Polytechnikums 1973 gegen die Militärdiktatur
bezieht, hatte darin kurz vor dem Besuch von Bundeskanzler Kohl
im EG-Partnerland an die deutsche Besatzung während des Zweiten
Weltkriegs erinnert, gegen das Vierte Deutsche Reich agitiert und
die Forderung nach Reparationen und nach Rückzahlung der von der
deutschen Wehrmacht zwangsweise erhobenen Kredite über zwei Millionen
Reichsmark (samt Zins und Zinseszins) unterstützt, die die Kanzler-Visite
in der griechischen Öffentlichkeit begleitete.
Die Firmen Löwenbräu
und Siemens waren als Ziele der Angriffe mit Panzerfäusten (die
zuvor aus dem Historischen Militärmuseum geraubt worden waren) ausgewählt
worden, weil sie griechische Firmen aufgekauft hatten und damit,
wie es in den Bekennerschreiben hieß, als Vorreiter "des deutschen
Großkapitals die ökonomische Invasion in Griechenland" vorantrieben:
"Wir werden ohne Vorankündigung weiter gegen deutsche Firmen zuschlagen,
solange die Kriegsreparationen von 30 Milliarden Dollar nicht gezahlt
werden."
Lufthansa gab kurz
nach den Anschlägen bekannt, kein Interesse mehr an der zuvor geplanten
Übernahme der Olympic Catering und einer griechischen Charter-Gesellschaft
zu haben - ein Rückzieher, der in der griechischen Öffentlichkeit
auf die Drohung mit weiteren antideutschen Anschlägen zurückgeführt
wurde.
In Griechenland
ist der ohne routinierte Distanzierungen erfolgende Abdruck von
Kommando-Erklärungen üblicher als hierzulande: Obrigkeitsstaatliches
Denken prägt das öffentliche Leben erheblich weniger, als in der
Bundesrepublik, deren " stern "-, "FAZ"-
oder "Frankfurter Rundschau"-Herausgeber man sich schlecht als couragierte
Staatskritiker vorstellen kann, die für den Abdruck eines RAF-Bekennerbriefes
ein paar Monate Knast riskieren. Etliche der in den griechischen
Medien verantwortlichen Redakteurinnen und Redakteure haben aktiv
gegen die Militärdiktatur gekämpft, es gibt eine bis heute lebendige,
in den antifaschistischen Befreiungskampf reichende Partisanentradition.
Dennoch ist diese Form der Öffentlichkeit derzeit noch längst nicht
so normal, wie es sich die Griechinnen und Griechen wünschen.
Seit dem 13. Dezember
1990 ist ein neues Gesetz zum "Schutz der Gesellschaft gegen das
organisierte Verbrechen" in Kraft, das seine enge Verwandtschaft
mit dem bundesdeutschen Paragraphen 129a und Teilen des alten griechischen
Notstandsrechts, das nach dem Sturz der Militärdiktatur abgeschafft
worden ist, nicht verleugnen kann: Allerdings hat man aus den Erfahrungen
mit dem bundesdeutschen (Un-)Recht gelernt und jegliche politische
Terminologie vermieden. Stattdessen wird der Kampf gegen Drogenkriminalität
in den Vordergrund gerückt. Die Vorschriften selber sprechen aber
die bekannte Sprache: Zwei und mehr Menschen, die sich zu einer
Organisation zusammengeschlossen haben oder eine Organisation unterstützen,
die vom Mord über den Menschenraub bis zu gefährlichen Störungen
des Schienenverkehrs alles mögliche planen mag, können demnach mit
einer Vielzahl von Spezialvorschriften malträtiert werden.
Da die griechische
Polizei bislang bei der Verfolgung z.B. der Gruppe "17. November"
völlig erfolglos ist (kein einziges Mitglied dieser seit 1975 mit
über dreißig Anschlägen aktiv gewordenen Organisation ist verhaftet
worden, die Namen der Aktivisten sind unbekannt, und es gibt keinerlei
Information über die Struktur und Arbeitsweise der Gruppe), zeitigen
derzeit vor allem die Abschnitte des "Terror-Gesetzes", wie es in
der griechischen Öffentlichkeit genannt wird, die "Unterstützungshandlungen"
unter Strafe stellen, Folgen: Der Generalstaatsanwalt kann z.B.
gemäß Artikel 6 des Gesetzes die Veröffentlichung von Erklärungen
und Texten inkriminierter Organisationen verbieten - was seither
regelmäßig geschieht und genauso regelmäßig nicht beachtet wird
- von bürgerlichen und eher konservativen Zeitungen genausowenig
wie von linken. Wegen des Abdrucks mehrerer Bekennerbriefe des "17.
November" sowie der ebenfalls militanten Gruppen "1. Mai" und "Ela"
wurden schließlich Anfang September die Chefredakteure von sieben
weitverbreiteten Zeitungen (darunter " Eleutherotypia ",
" Ethnos " und "To Pontiki ") vor Gericht
gestellt, gegen die Chefredakteur von zwei weiteren Blättern ("Ta
Nea" und " Eleftheri Ora ")
ist aus dem gleichen Grund, allerdings gesonderte Anklage erhoben
worden.
Einen Tag vor Prozeßbeginn
intervenierte der konservative griechische Ministerpräsident Mitsoutakis und verkündete öffentlich, seine Regierung werde
einen eventuellen Freispruch nicht hinnehmen, sondern zur Not für
eine Fortführung des Verfahrens bis zum Obersten Gerichtshof eintreten
- eine Erklärung, die allgemein als Beeinflussung der Richter bewertet
(und kritisiert) wurde. Für die öffentliche Stimmung dürfte eine
von " Eleutherotypia " zur Eröffnung des Prozeßes
veröffentlichte repräsentative Meinungsumfrage charakteristisch
sein: 63 Prozent der griechischen Bevölkerung sprechen sich demnach
für einen Abdruck von Erklärungen militanter Gruppen aus, 22 Prozent
dagegen, und 13 Prozent äußern sich unentschieden.
Am 9. September
verkündete das Gericht das Urteil: Die sieben Chefredakteure wurden
zu Haftstrafen von fünf bis zehn Monaten verurteilt - das Angebot,
sie in Form einer Geldstrafe abzuzahlen, lehnten sie ab, die Möglichkeit
in die Berufung zu gehen, nahmen sie nicht wahr. Wie schon mit dem
Abdruck der verbotenen Erklärungen selber verfolgen die Journalisten
damit das Ziel, die Situation zu eskalieren, um den skandalösen
Charakter des "Terror-Gesetzes" deutlich zu machen. Sie hoffen,
wie auch griechische Offizielle meinen: begründet, darauf, daß
das Gesetz schließlich doch insgesamt als "verfassungswidrig" bezeichnet
und wieder abgeschafft werden kann. "Nicht die Journalisten waren
in diesem Verfahren die Angeklagten, sie waren die Ankläger, angeklagt
war das Terror-Gesetz", äußerte nach der Verkündung dieses ersten
und deswegen für exemplarisch gehaltenen Urteils nach neuem Recht
einer der Verteidiger, ein anderer erklärte: "Wir gehen bewußt
nicht in Revision, um gegen diese Einschränkung der demokratischen
Freiheiten zu protestieren."
Unmittelbar nach
der Verhaftung der Angeklagten am 11. September kam es in Athen
vor dem Gefängnis zu großen, die ganze Nacht hindurch andauernden
Demonstrationen. Zahlreiche Verfassungsrechtler, sowie zahlreiche
Angehörige der Kultur-Prominenz protestierten gegen das Urteil und
die Verhaftung.
In der Bundesrepublik
hatten die Verurteilungen in Athen wenig Resonanz: Daß
Medien, die schon seit langem als vierte Staatsgewalt agieren, kein
sonderliches Mitgefühl für Journalistinnen und Journalisten aufbringen,
die bewußt gegen Zensur-Vorschriften verstoßen, die hierzulande
angesichts der perfektionierten Selbstzensur nicht mal erlassen
werden müssen, kann allerdings nicht erstaunen. Es gibt innerhalb
der EG neben dem Nord-Süd- eben auch ein Demokratie-Gefälle. Sicherlich
war es nicht allein die Idee der griechischen Regierung, den Versuch
zu unternehmen, dieses auf den Standard des Modells Deutschland
einzuebnen: Diese brisante Dimension der Auseinandersetzungen in
Athen wird allerdings weder von den inkriminierten Zeitungen noch
von deren Verfolgern thematisiert.
Ob das mit einigem
Ernst betriebene Vorhaben der Regierung Mitsoutakis
zu einem schlechten Ende geführt werden kann, ist angesichts der
zusehends anspruchsvolleren Projekte für eine Zusammenarbeit der
europäischen Polizeien durchaus zweifelhaft, die auf den aktuellen
Fachtagungen mit dem Understatement "gegen
organisierte Kriminalität" diskutiert und in die entsprechenden
Gesetzentwürfe eingearbeitet werden - mit weitreichenden
Konsequenzen für die EG-Politik der "Inneren Sicherheit" ebenso
wie für die griechische Innenpolitik.
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